Mittwoch 11.05.2011: Wright und andere Kunst

Meine deutsche Bekannte Tanja hat mich Ende März angerufen: Gabi, im Mai wird von den „Freunden der Lake Cook-Bibliothek“ eine  geführte Tour nach Milwaukee, ins Art Institute veranstaltet. Vielleicht hast Du Lust mitzufahren“. Ich habe mich natürlich angemeldet. Je näher der Termin gerückt ist, desto mehr hatte ich mir Gedanken gemacht: Mittwochs tagsüber, das heißt Rentnertreff. Und so war es auch. Tanja und ich haben den Altersdurchschnitt drastisch gesenkt. Doch die Damen und Herren (erstaunlich viele rüstige Gentlemen begleiten die rüstigen Girls im fortgeschrittenen Alter) sind sehr nett zu uns und fragen uns natürlich schon aus, bevor wir überhaupt einsteigen. Ginger hat das Heft in der Hand und ist das Herz der Gemeinschaft, die scheinbar schon häufiger solche Ausflüge gemacht haben. Wir starten bei strahlendem Sonnenschein, doch in Milwaukee ist das Wetter nicht so prickelnd. Erst denken wir, ist doch egal, schließlich wollen wir ins Museum – später werden wir eines Besseren belehrt.

Schon auf der Fahrt hin werden wir mit dem Architekten Frank Lloyd Wright bekannt gemacht, einer der bedeutendsten Architekten Nordamerikas des 19./20. Jahrhunderts. Er hat neben einer Menge an innovativen Wohn- und Arbeitsgebäuden auch hier in der Chicagoer Gegend errichtet – und noch mehr Entwürfe erstellt, die meist aufgrund Geldmangels nicht verwirklicht wurden. Außerdem hatte Wright visionäre Vorstellungen von Hochhäusern in dreieckiger Fassade und der idealen Stadt, die für meinen Geschmack etwas sehr nach Suburbs (also die jetzt vorhandenen amerikanischen Vorstädte) aussehen.

Im Museum werden wir von einer charmanten älteren Lady eine Stunde lang durch die aktuelle Ausstellung über das Lebenswerk von Wright geführt. Ich bin stolz auf mich, verstehe ich doch so ziemlich alles was sie erzählt. Wrights Stil war äußerst extravagant, er liebte sensationelle Standorte und ihm war Licht im Gebäude wichtig. Sein Augenmerk lag aber vor allem darin, die Gebäude in die Umgebung einzufügen, eine „organische“ Architektur zu schaffen. Dabei verwendete er Farben, Formen und Materialien, die die vorgefundene Umwelt widerspiegeln. Witzig ist, dass ihm die Perfektion der Konstruktion selbst dann nicht so wichtig war – in seine Häuser regnet es zum Beispiel schon mal rein. Unsere Führerin erzählt hierzu, laut ihrer Tochter, einer Bauingenieurin, läge das dann halt doch am nicht abgeschlossenen Ingenieursstudium, für irgendwas sollte das dann doch gut sein  😉

Eigentlich ist das Museumsgebäude an und für sich schon einen Besuch wert. Licht, hoch und spektakulär unkonventionell. Seht selbst. Nach unserer Führung verspeisen wir den mitgebuchten Lunch und werden dann von unserem Guide nach außen, auf eine Brücke gescheucht. Die Flügel des Gebäudes bewegen sich nämlich um 12 Uhr und das soll sensationell anzusehen sein. Allerdings wird das nur bei perfekten Wetterbedingungen gemacht – leider entschließt sich die Museumscrew heute kurzfristig, der Wind wäre zu stark dafür. Pech gehabt. Doch ich hoffe sehr, ich werde mit dem einen- oder andren Besucher zurückkehren und eine weitere Chance erhalten. Nach unserer Lunch-Pause besichtigen wir die ständige Ausstellung des Museums. Natürlich ist es nicht so groß wie das Art Institute in Chicago, aber ich mag die großen Räume, in denen sich die Kunst einfach besser entfalten kann. 😉 Wir lassen die Mittelaltergemälde schnell hinter uns. (Warum hängen immer so viele Portraits in der Gegend rum? Schon Ivy und ich haben festgestellt, dass Auftragsportraits und Engelsbilder allzu oft leidenschaftslos wirken – man merkt dem Maler an, dass er sich hier den Schinken für den nächsten Monat verdient….)

Popkultur, zeitgenössische Kunst und meine Entdeckung des Tages, Georgia O’Keeffe regen zum Nachdenken an. Zwischendrin kann man sich in einen Sessel an einer der breiten Fensterfronten lümmeln und den rauen See beobachten (und die knackigen, davon unbeeindruckten Jogger). Für „Fun“ ist natürlich auch gesorgt, es gibt eine dunkle Infinitybox, die einen in die Unendlichkeit in 3D stürzen lässt. Doch wir verlieren uns nicht und finden uns zum Schluss ganz amitypisch bei einer ausgiebigen Visite im Museumsshop wieder.

Am Rückweg genieße ich nochmal ausgiebig die deutsche weibliche Unterhaltung. Nicht nur mit Tanja, denn eine der reifen Damen entpuppt sich als Amerikanerin mit deutschen Wurzeln. Sie meint, sie hätte nur bis zum 6. Lebensjahr hauptsächlich deutsch gesprochen, und seit Jahren gar nicht mehr. Und doch überrascht sie uns mit perfektem Hochdeutsch und lupenreiner Grammatik. Wir sind beeindruckt. Das war ein rundum gelungener Ausflug!

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