Samstag, 02.07.2011: Auf nach Wisconsin

In Deutschland kommen und gehen die Feiertage. In den USA sind diese rar gesät. Der Einzige in den Sommermonaten ist das Pendant zum Tag der Deutschen Einheit, der 4. Juli – Independence Day – von Roland Emmerich schon vor Jahren gar gräuselig in Szene gesetzt. Nachdem die Außerirdischen wohl auch dieses Jahr ausbleiben, entscheiden wir uns recht kurzfristig – und wider jeder Warnung von Toms Kollegen – für einen Trip nach Wisconsin.

Die Gegend heißt Wisconsin Dells und ist offensichtlich Anlaufpunkt so ziemlich jeder Familie mit Kindern im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Wir wurden jedenfalls vor langen Staus gewarnt und auf eine Ausweichroute von Toms Kollegen umgeleitet. Die passt ganz gut, denn hier haben wir im Reiseführer schon was von einem Bad Windsheim des Mittleren Westens gelesen. Das größte Freilandmuseum seiner Art in den ganzen USA: Wir sind gespannt und folgen ausschließlich Toms Markierung auf der Karte, denn Schilder oder gar Wegweiser finden wir bis 1km vor dem Ziel keinen einzigen (Gabi: „Ich möchte betonen, dass ich den ganzen Ausflug geplant habe – ich werde wieder nicht gewürdigt“. – Das wollen wir jetzt nachholen…). Doch es gibt sie wirklich. Die „Old World Wisconsin“ hat einen riesigen Parkplatz, der von weniger als 10 Autos belegt ist. Kaum haben wir den Park betreten, scheint die Zeit auch schon langsamer zu vergehen. Es ist strahlend blauer Himmel, heiß bei vielleicht 30 Grad und nur eine leichte Brise sorgt manchmal für einen Hauch von Abkühlung.
Hier gibt es Häuser, Farmen und Werkstätten so ca. um 1880 herum aus ganz Wisconsin zu sehen. Die Häuser sind thematisch nach Deutschen, Polen, Norwegern, Finnen und Dänen sortiert in kleinen Gruppen zusammengestellt. Dazwischen gibt es viel freie Fläche, Wald und Felder. Eine Bimmelbahn überbrückt jeweils die 100 Meter zwischen den Sehenswürdigkeiten und an jedem Halt gibt es Bänke an denen die wenigen vorhandenen Leute schon auf die die nächste Bahn warten. Einfach zu laufen kommt offensichtlich keinem in den Sinn. Die Häuser sind interessant anzuschauen und werden uns von wartenden Angestellten in zeitlich passender Tracht erklärt, Schmieden vorgeführt, Brot gebacken, Schindeln hergestellt und Orgeln gespielt und irgendwann macht es knack und die Zeit bleibt einfach stehen. So ruhig und friedlich ist es hier. Gabi fühlt sich vor allem beim Anblick der Ausstattung eines Hauses an das Haus ihrer Großeltern erinnert.

Farmen und Häuser haben bewirtschaftete Gärten und erneut findet Gabi, dass der eine Garten aussieht, wie der von ihren Großeltern direkt an der Zenn. Das regt offenbar Besitzstandsgefühle, denn sofort klaut Gabi hier Erdbeeren, die süß und fruchtig schmecken. Auf einer Farm probieren wir Beeren eines Maulbeerbaumes, als wir feststellen, dass 3 Stunden verflogen sind. Wir sind uns einig: Das wäre etwas für unsere Eltern – wenn sie denn kommen würden.

Zurück am Auto naschen wir ein bisschen Obst und fahren weiter nach Madison, dem Regierungssitz von Wisconsin. Kollegen von Tom haben die Stadt als „verschlafenes Hippiestädtchen“ bezeichnet und vor allem auch aufgrund der Lage auf einem vielleicht einen Kilometer breiten Landstreifen zwischen zwei großen Seen und des jugendlichen Altersdurchschnitts aufgrund der Universität von Wisconsin haben sie absolut recht.

Unser erstes Ziel ist das Capitol, in der Mitte der Stadt gelegen. Wie in allen Hauptstädten der amerikanischen Bundesstaaten ist dieses Gebäude eine kleinere Ausgabe des Capitols in Washington D.C. Wir sind vor allem aufgrund der Lage und des weißen Marmors vor blauem Himmel beeindruckt und nachdem wir jetzt ja auch einiges darüber in der lokalen Presse gelesen haben (Demonstranten hatten sich hier tagelang eingenistet, um gegen Kürzungen zu demonstrieren) schauen wir es uns auch von innen an. Noch immer sind einige Unverdrossene dabei Schilder vor dem Gebäude hochzuhalten – oder weil das einfacher ist – in der offenen Heckklappe ihres Autos zu platzieren.

Die Straßen der Stadt gehen sternförmig von diesem Platz weg. Wir fahren weiter und parken in einem Parkhaus der Universität von Wisconsin – der zweiten Sehenswürdigkeit der Stadt. Wir werfen all unser Kleingeld in die dort an jedem Parkplatz angebrachte Parkuhr – inkl. der schon vorhandenen 15 Minuten reicht es gerade mal für 1:50 h. So schlendern wir zum See, über den hügeligen Campus um dann in der Fußgängerzone ein frühes Abendessen einzunehmen. Wir entscheiden uns für einen leckeren Afghanen namens Kabul (der auch „mediteranian Food“ hat). Das Essen ist lecker, reichlich und günstig. Unser Kellner entpuppt sich als deutschsprechend. Er habe vor 2 Jahren in Deutschland 6 Monate studiert– und spricht nahezu akzentfrei Deutsch. Wir sind beeindruckt- nein, eigentlich neidisch.

Gesättigt, fast schon überfressen fahren wir danach nochmal eine Stunde weiter zu unserem Motel. Dieses ist eine Meile vom Eingang des Devil Lake State Parks gelegen. Gabi hat es nach längerer Suche (fast alles war schon belegt) gefunden und reserviert. Es stellt sich als völlig untypisch heraus. Die Zimmer sind mit Westernmotiven nur so übersät, dass man das Zimmer eher als Gesamtkunstwerk, denn die Einzelexponate bewerten kann. Gartenstühle vor jeder Tür laden zum relaxen ein, mehrere Grillplätze inkl. Webergrill warten auf ihre Urlauber – und werden auch reichlich genutzt. Es gibt Spielzeug und Bollerwagen zum Ausleihen, …

Wir fahren noch mal in die nächste Stadt (Baraboo) und kaufen ein bisschen was ein.
Danach lassen wir den Abend auf den Stühlen vor unserem Motel sitzend ausklingen, bis es dunkel wird und genau hinter uns Leuchtkäfer (im Englischen viel romantischer Fireflys genannt) ein Lichterfeuerwerk abbrennen. Das ist wohl der Auftakt zu den Feierlichkeiten zum 4. Juli, denn diese aufblitzenden Lichter gehen über in das ferne Grollen eines Feuerwerks.

Wir sind geschafft und wollen nur noch ins Bett. Doch dieses entpuppt sich als so weich, dass man darin versinkt. Schon nach 5 Minuten auf dem Bett liegend hat Tom stechende Rückenschmerzen und wir entscheiden uns für die Notlösung: Tom schläft am Boden.

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2 Antworten zu Samstag, 02.07.2011: Auf nach Wisconsin

  1. Marion schreibt:

    Haben die Mitarbeiter im Museum auch so beeindruckend in der Ich-Form gesprochen und so richtig ihre Rollen verkörpert (haben wir mal in Plimouth Plantation erlebt)? Waren letztes Woe in Bad Windsheim und haben festgestellt, dass dort noch etwas Nachholbedarf in Sachen schauspielerischer Leistung der Mitarbeiter besteht -da haben die Amis echt was voraus.

    • Tom Jachmann schreibt:

      Leider hier nicht. Das habe ich auch schon mal erlebt und war klasse. Hier war es eher die „so haben die Bewohner es früher gemacht“ Art. Auch nicht schlecht, und durchaus nicht ohne Geschick im Erklären, aber ich stimme Dir zu, dass so etwas aus der „ich“-Form noch cooler kommt.

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