Sonntag, 03.07.2011: Des Teufels eigener Park

Schon gestern beim Einchecken haben wir unseren Motel-Nachbarn kennengelernt. Dieser hat uns gleich mal Angst vor einem überfüllten Park und Schlangen am Parkeingang gemacht. Er rät uns so früh wie möglich dort zu sein. Er sei schon immer um 8 Uhr im Park. Wir stehen also früh auf – Tom kann eh nicht mehr liegen. Zum Frühstück gibt es Kaffee aus dem Motel und Apfelkuchen den wir gestern noch eingekauft haben. Der Kuchen ist gar nicht schlecht und wenn man mal die $2 für einen ganzen Kuchen betrachtet, sogar phantastisch 🙂
Wir sind wirklich schon 10 Minuten vor 8 Uhr im Park. Dort lesen wir, dass, wenn wir ohne Parkticket erwischt werden, einige hundert Dollar Strafe drohen. Das passt gut zu der Tatsache, dass der Schalter, der diese Tickets vertickt, erst um 8 Uhr aufmacht. So warten wir also und genießen den menschenleeren Park, einen völlig leeren riesigen Parkplatz und einen noch leereren Strand.

Kaum haben wir unser Parkticket erworben, fahren wir noch das kurze Stück zu unserem Ausgangspunkt der Wanderung auf dem East Bluff Trail. Es geht harmlos ein Stückchen in den Wald hinein, bevor geteerte Stufen nach oben klar machen, dass dieser Weg wahrscheinlich an natürlichem Charme noch einiges zu lernen hat. Geteerte Wege führen an den Klippen entlang, jedoch entschädigen alle paar Meter schöne Ausblicke von Felsen über den Devils Lake für die Wegbeschaffenheit. Der See liegt anfangs noch völlig verlassen und still unter uns, später bevölkern ihn immer mehr Boote und eine ganze Gruppe an Schwimmern durchquert den See.

Doch wir wollen nicht nur den East Bluff Trail erwandern, sondern haben uns eine Best-Of-Kombination verschiedenster Abschnitte ausgewählt. So haben wir kaum die Länge des Sees abgelaufen, geht auch schon unser Weg in steilen Steinstufen hinab zum Balanced Rock. Steinstufen ist zu viel gesagt, denn eigentlich ist jeder Schritt nach unten fast ein halber Sprung, zwei normalen Stufen gleich. Zum Teil geht der Weg durch ein Geröllfeld mit schönen Ausblicken. So verpassen wir fast den Balanced Rock. Kleine rote Schilder weisen auf diesen hin („Look! View of balanced rock“ und „You just passed balanced rock“).

Wir schauen ihn uns näher an. Tom versucht ihn umzuwerfen – für ein gutes Motiv macht man doch fast alles 🙂 Keine Angst – würden wir nie tun!

Etwas mehr als 260 Höhen..ähh…fuß, also fast 100 Höhenmeter tiefer sind wir im Tal. Uns tun die Knie weh… Sind wir vorher wirklich so weit nach oben gelaufen? Hier unten lauern leider viele Schnorrer („Haste mal nen Tropfen Blut?“). Um den Moskitos zu entkommen geht es kaum eben weiter, sondern gleich wieder den nächsten Weg (Potholes Trail) nach oben. Gewohnt steil geht es bergan. Die Stufen erinnern schon fast an die sächsische Schweiz. Wir überlegen kurz, ob wir nächstes Jahr vielleicht für einen Urlaub in die sächsische Schweiz fliegen sollen, uns kommt das aber irgendwie komisch vor… kaum ist dieser Gedanke zu Ende gesponnen, sind wir auch schon wieder oben. Der Weg kam uns irgendwie kürzer vor als abwärts, kann aber fast nicht sein. Unsere Waden jedenfalls danken es uns.

Noch schnell nachgereicht sei der coolste Teil des Aufstiegs. Dabei handelt es sich nicht etwa um die Potholes (also Löcher die durch andere Steine mit Wasserkraft ausgeschliffen wurden) – diese sind ganz nett – sondern um eine Kliffpassage, genauer gesagt ein Stück des Anstiegs der durch einen Felsenriss hindurch nach oben führt.
Diese Wanderung macht wirklich Spaß und wir sind froh, endlich mal wirklichen Fels unter den Füßen zu haben. Gestern waren wir noch enttäuscht, dass das versprochene hügelige Wisconsin so flach ist, heute fühlen wir uns halbwegs entschädigt. Auch gilt wie immer: Kaum wird es etwas anstrengender, ist man fast alleine unterwegs.

Oben geht es gleich wieder in den nächsten Umweg zu Devils Doorway, dem eindeutigen Highlight der Wanderung. An diesem Ort stimmt fast alles: Ein Felsplateau in der Sonne zum Hinsetzen, eindrucksvolle Felsformationen als Fotomotiv, der friedliche See in der Tiefe unter uns, umgeben von tiefgrünen Wäldern. Nicht zu vergessen die Hauptattraktion: Seeadler und Gänsegeier, die in nächster Nähe unter, über und unmittelbar vor uns ihre Kreise ziehen. Majestätisch schweben sie dahin. Eine schnelle Zählung ergibt mindestens 8 dieser großen Vögel. Wir sind beeindruckt und zögern unseren Abmarsch hinaus, indem wir beschließen, einfach mal kurz vor 11 Uhr Mittagspause zu machen. Wir essen einen mitgebrachten Wrap und freuen uns der Ruhe. Diese wird jäh gestört, als ein Tourihelikopter direkt auf uns zu hält und mit viel Lärm erst die Vögel und dann uns vertreibt.

Wir nehmen den von hier aus einzigen von uns noch nicht erkundeten Weg quer durch den Wald zurück zum Auto. Lasst Euch sagen: Da haben wir noch lieber Teer wie Schotter.

Ach ja, noch eine Anekdote am Rande: Die Wanderung hat Tom an einigen Stellen richtig Angst gemacht, nicht weil sie gefährlich gewesen wäre – oder auch nur schlecht ausgeschildert, sondern weil Gabi teilweise schon bei Abstechern, die uns keine 5 Meter vom Weg weggeführt haben, die Orientierung verliert. Nein, wir wollen den Weg nicht zurück laufen. Und warum sollte der See plötzlich auch nicht mehr rechts von uns sondern links liegen?

Wir jedenfalls sind heil zurück am Auto und machen kurzfristig den Fehler mal zum Wasser zu schauen und uns dort auf eine Decke zu legen. Hier ist die Hölle los und von Ruhe und Einsamkeit keine Spur. Unzählige Gruppen an Menschen grillen hier, chillen, baden, spielen Frisbee, Beanbag toss, Fußball, oder haben einfach nur ein Radio aufgedreht. Getoppt wird das Ganze noch von einem Eislaster, der ca. 20 Minuten genau vor unserer Nase die Luft verpestet und die Ruhe mit lautem Dröhnen zerstört. Wir sehnen uns auf das Felsplateau zurück.

Schon mal aufgeschreckt, blasen wir zum Aufbruch. Wir fahren kurz die 2 Meilen Umweg am Motel vorbei („frisch machen“), um dann zu einem „Geheimtipp“ zu fahren. Eine Wanderung von knapp 2 Stunden zu einer Natural Bridge steht an, und genau so heißt auch der State Park. Von kaum einem Menschen besucht, weil etwas abseits des Weges gelegen scheint er wie geschaffen für unseren Sonntag Nachmittag zu sein. Vermutlich laufen vor Gabis geistigem Auge schon die in ihrem Gehirn abgespeicherten Erinnerungen vom Arches National Park im Südwesten der USA ab.

Wir sind zumindest nicht die einzigen die den Park gefunden haben. Mitten auf dem Parkplatz grillen 2 Familien und wir wandern schnell an ihnen vorbei die Wiese hinauf zum Beginn der Wanderung, kaum 2x Luft geholt, stehen wir vor der Natural Bridge und einer Höhle in der man die ältesten Siedlungsreste der Gegend nachgewiesen hat. Jetzt sieht man in dieser nur noch Leute, die ihre Namen im weichen Stein der Wände hinterlassen haben. Oder ist „Kevin 2011“ eine geheime Botschaft der Ureinwohner? Der Weg geht schlecht ausgeschildert weiter, immer wieder mal an Hinweisschildern vorbei, die beschreiben was die Indianer aus diesem oder jenem Kraut oder Baum gemacht haben. Eine Holztreppe hinab und an einem Schild (aufwärts gerichtet) „Closed“ vorbei. Doch bald sieht man auch schon wieder eines der unglaublich detaillosen Wanderkartenschilder, auf dem Leute so lange herumgefingert haben, bis weder zu entziffern ist, wo wir uns gerade befinden, noch wo wir hin müssen. Tom lässt sich vom Gefühl und dem gelegentlichen, entfernten Autobrummen leiten – und wir stehen 10 Minuten später auf einer Straße. Links oder rechts? Toms Gefühl sagt rechts und so kommen wir nach nicht mal 40 Minuten Wanderzeit wieder zum Auto. Irgendwas ist hier entweder ganz böse schief gegangen, oder der Schreiber der Wanderroute war so unter Alkoholeinfluss, wie diese etwas depressiv anmutende Wanderung (insbesondere im Kontrast zu heute früh) es wohl notwendig macht.

Danach fahren wir zurück zum Motel und chillen noch etwas vor unserem Zimmer, bevor es dann zum Abendessen nach Baraboo geht.

Baraboo hat einen netten Ortskern, so wie man sich das in einer verträumten amerikanischen Kleinstadt vorstellt. Um das Rathaus herum haben sich hier Antiquitätenläden neben Boutiquen angesiedelt. Gabi „Hier ist alles schön!“. Was allerdings doch auffällig ist, ist zumindest an diesem Sonntag Abend die nahezu völlige Abwesenheit von Lebenszeichen. Menschen auf der Straße kann man genauso wie geparkte Autos an einer Hand abzählen. Das trägt heute zum verträumten Charme der Stadt bei, auf Dauer wäre das ziemlich depressionsfördernd hier zu wohnen. Unser ausgewähltes Cafe/Restaurant hat mit dem Hinweis „Closed on 4th of July“ geschlossen. Ist heute nicht erst der Dritte? Dann gehen wir halt in den Diner namens „Monk“ daneben. Ein typischer Kleinstadt-Diner, das Essen ist OK.

Wieder einmal verbringen wir danach den Abend auf den Stühlen vor unserem Motel, beobachten und lästern über die anderen Gäste. Die Russen grillen wieder und bieten uns wieder nichts an. Jetzt wissen wir zumindest, dass die Bollerwagen nicht für Kinder gedacht sind, sondern um die Tonnen an Essen zu einem der Grillplätze zu fahren. Eine ausgiebige gegenseitige Fußmassage später gehen wir auch schon ins Bett…

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