Donnerstag, 11.08.2011: Überlaufene Inseleinsamkeit

Das erste Frühstück in einem Bed and Breakfast für die Riedls ist ein Erlebnis. Es gibt endlich mal wieder einen g’scheiten Kaffee, richtigen Saft und selbst gemachte Pancakes mit Ahornsirup und gedünsteten Michigan-Pfirsichen. Die ersten des Jahres. Die Kiddies bekommen einen Extra-Tisch am Fenster und werden zuerst bedient. Das gefällt den beiden natürlich, auch wenn sie ziemlich nonverbal kommunizieren, da sie etwas Schwierigkeiten haben, Mary und ihre Enkelin zu verstehen. Alles wird natürlich passend zur Einrichtung in echtem englischen Rosengeschirr serviert und wir fühlen uns wie in einer südenglischen Residenz. Mit uns bewohnen derzeit ein Halbmarathon-laufendes Geschwisterehepaar und ein weiteres Pärchen das Häuschen. So entwickelt sich bald ein lebhaftes Gespräch, wenn auch von unserer Seite meist nur Tom redet – obwohl wir anderen ebenfalls fast alles verstehen, aber einfach nicht mitreden können, wenn es um Großstädte in den USA geht…

Nach dem gemütlichen Frühstück fahren wir nach Mackinac City. Hier stoßen an einer kleinen „Seeenge“ Lake Michigan und Lake Huron zusammen. Schon im Lake Huron gelegen ist eine schnuckelige Insel namens Mackinac Island, auf der die Zeit stehen geblieben sein soll, da hier keine Autos erlaubt sind. Wir sind auf die Minute pünktlich um die nächst mögliche Fähre noch zu erreichen. Mit dem Schnellboot setzen wir über und beschließen, uns für die nächsten Stunden zu trennen. Wir möchten gern Räder leihen während die Riedls eher per pedes das Fort, einen großen Natursteinbogen und das nette einzige Dörfchen der Insel erkunden wollen.

Die Insel muss für Tom gegen ganz starke Erinnerung aus unserem letztjährigen Rügenurlaub ankämpfen. Tom erwartet also ein amerikanisches Hiddensee (sein T-Shirt hat er auch passend dazu angezogen). Leider ist es halt kein deutscher September sondern amerikanische Hauptreisezeit, d. h., die Insel ist überfüllt und von Einsamkeit und Beschaulichkeit ist wenig zu spüren. Der durchaus reichlich vorhandene Charme hat es wirklich schwer gegen die lärmenden Mengen anzukämpfen.

Unsere Räder rollen zwar für Leihräder super gut, doch die Amis um uns herum fahren kopflos und so ist ein Fahrradunfall vorprogrammiert. Ein Teenie weicht einem anderen aus und guckt dabei nicht nach hinten, so dass sie mit Gabi kollidiert. Zum Glück kommt Gabi mit blaue Flecken/Prellungen und Tom mit einem leichten Schock davon. Die von uns ausgesuchte längste Radtour (ganze 8 Meilen) geht einmal um die Insel. So lassen wir schnell den einzigen Ort der Insel hinter uns und halten schon wieder bei unserem ersten Stopp, dem Steinbogen, für den man erst mal ins Inselobergeschoss auf einer langen Treppe aufsteigen muss. Der Arch ist weniger berauschend, wie der Ausblick auf den umgebenden See und das türkisblaue, seichte Küstenwasser. Scheinbar war das für viele Amis zu viel Natürlichkeit, denn sie haben entlang der ganzen Küste Steintürmchen im Wasser errichtet bzw. Botschaften mit Steinen unter der Wasseroberfläche gebildet (z.B. „Blablabla marry me?“). Gabi findet das romantisch, für Tom nimmt das den letzten Funken Unberührtheit von der Natur… so unterschiedlich sind eben die Geschmäcker.

Wieder auf dem Rad umrunden wir die Insel halb, um am möglichst abgelegensten Strandabschnitt uns in die Kieselsteine zu setzen und auf das Meer hinauszublicken. Wir machen „Mittagspause“. Gabi gibt einer aufdringlichen Möwe nicht eine einzige Nic Nac-Nuss ab. Ihr seht, wir speisen wie die Könige…

Nachdem wir Sonne satt getankt haben und die Füße (wieder) mal ins Wasser gehängt haben (Gabi: „Kieselstrand ist Aua!“), fahren wir den Rest der Strecke, geben die Räder wieder ab und erkunden die nähere Umgebung um das Örtchen zu Fuß. Wirklich nette Häuser erhalten hier einen besonderen Touch durch große Mengen an Blumen. Überall fahren Pferdekutschen und torkelnde Radfahrer. Besonders auffällig ist die Kutsche des Grand Hotels, deren Pferde besonders protzig geschmückt sind und dessen Kutscher mit Anzug und Zylinder seine Gäste zum Hotel chauffiert. Das sieht doch vielversprechend aus und so machen wir uns auf dem Weg das Grand Hotel, das über der Stadt thront näher unter die Lupe zu nehmen. Zuvor laufen wir natürlich wieder dieser Riedl-Bagage über den Weg. Immer diese Deutschen Urlauber 🙂 Wir jedenfalls haben uns schon angewöhnt, wann immer wir nach unserer Herkunft gefragt werden, erst einmal „Illinois“ zu sagen. Manchmal kommen wir damit sogar durch 🙂

Ähhh. Wo waren wir. Jetzt habe ich den Faden verloren. Ach ja, das Grand Hotel. Dieses protzt mit hohen weißen, eleganten Säulen einer großen Terrasse und Gärten. Mehr können wir leider nicht sagen, denn wir sind weder „akkurat“ gekleidet um eingelassen zu werden, noch sind wir gewillt die $10 Eintritt für Nichtgäste zu zahlen. So schauen wir einfach mal neidisch über die Hecke der Gärten um elefantenförmig geschnittene Büsche und gut gekleidete Gentleman zu sehen. Pfffff.

Die Riedls haben unterdessen das Fort genauestens unter die Lupe genommen, wo uniformierte Soldatenschauspieler exerzieren und auch die Touristen mit rumscheuchen. Beate: „In Deutschland hätte da kein Schwein mitgemacht.“ Uwe: „Wie im Western, des wor so schee“. Das ist anscheinend Ansichtssache, denn während die „Soldaten“ schießen, verzieht sich klein Carina mit ihrer Mama in die Fortgebäude.

Als „Belohnung“ für das brave Mittraben gibt es Einhorn und ein T-Shirt als Souvenirs für die Kids und nach einem Eis für Alle ist die Insel dann für uns deutsche Kitschresistente abgegrast. Zum Glück geht jede halbe Stunde ein Schnellboot zurück und wir verlassen die Insel am Nachmittag wieder. Gabi möchte an dieser Stelle besonders darauf hinweisen, dass die Insel für ihren Quatsch ähhh Fudge, also zuckerklebrige Schokolade berühmt ist. Warum ihr das so wichtig ist (außer Uwe hat keiner sich Fudge gekauft) könnt ihr sie ja selbst mal fragen…

Randnotiz: Nicht nur Schniggers putzt Uwe weg wie nix, sondern hat auch noch die ganzen ca. 200g Fudge an einem Tag verdrückt. Als Dauerfahrer der Riedls ist Nervennahrung nötig (Ritter Rost lässt grüßen!)

Wir sind heute nur mit einem Auto unterwegs, da der Chrysler der Riedls (seines Gepäcks entledigt) uns alle kutschieren kann. So genießen wir gemeinsam auch die Rückfahrt durch eine baumbestandene Allee direkt an der Küste entlang. Sehr nett und Uwe hat auch viel Spaß bei dieser kurvigen Strecke. Beate: „Da steht 45 Meilen pro Stunde für die Kurven.“ Uwe: „Ich fahr ja auch keine 60 mehr“… oder später: Beate: „Diese Kurve ist mit 25 Meilen ausgeschrieben“. Uwe: „Die sind doch verrückt“.

Tom auf dem Beifahrersitz kribbelt es in Fingern und Beinen, darf er die nette Strecke doch nicht selbst fahren…

Danach wollen wir Abendessen gehen, doch kriegen es nicht hin, uns auf ein gemeinsames Restaurant zu einigen. Gabi will zum Thai, andere nicht. So landet die Bagage bei Pizzen in einem Pub und Tom (der keinen Hunger mehr hat) läuft zurück zum B&B. Nachdem er eine schöne Strecke gefunden hat und auch noch die Umgebung unserer Unterkunft mit unglaublich schönen Häusern erkundet hat, tauchen auch die Riedls ohne Gabi wieder auf. Gabi wollte zum Leuchtfeuer von Petoskey, Tom geht ihr entgegen. Natürlich verfehlen sie sich und Gabi sieht ebenfalls die schönen Häuser, während Tom die Kilometer in schnellem Gang frisst, das Leuchtfeuer umrundet und mit müden Füßen nach 90 Minuten wieder vor dem B&B steht. Zumindest war es ein schöner Spaziergang bis zum Sonnenuntergang.

Für Beate und Gabi gibt es noch Wein (den wir im Weingut ja mitgenommen haben) und mit den Kiddies wird auch noch Uno und 6 Nimmt gespielt. Davon kriegt Tom schon nichts mehr mit, der müde auf dem Bett eingeschlafen ist.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Besuch, Michigan, Radfahren, Wandern veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s