Freitag, 12.08.2011: Franken haben wir uns anders vorgestellt

Zum heutigen Frühstück serviert uns Mary leckere frische Früchte und Lebkuchen-Pancakes. Yummi! Wir halten uns trotzdem nicht mehr all zu lange, schließlich ist heute einer der von Tom gefürchteten Fahrstreckentage. Als wir nach ca. 2 Stunden mal für „Getränke in alle Richtungen“ halten, stellt die Blitzcheckerin Gabi, vor dem 2. Kaffee eigentlich nicht zurechnungsfähig fest, dass sie den Schlüssel vom Gingerbread House noch einstecken hat. Spitze! Gottseidank meint Mary, die Gabi gleich kleinlaut anruft, sie hätte genügend Ersatzschlüssel und wir können die Schlüssel per Post schicken. Erleichtert legt Gabi auf, die sich schon vorgestellt hat, Tom beibringen zu müssen, dass wir die heutige Fahrstrecke um 4 Stunden verlängern dürfen…

Dieser Tag steht ganz im Zeichen von Beate. Monatelang von den heimatlichen Gefilden getrennt (ähh, ja, das stimmt nicht, klingt aber so viel plausibler) brennt sie darauf, wieder etwas Fränkisches zu sehen, daher steuern wir Frankenmuth an. Ein kleiner Ort mitten im Nirgendwo von Michigan. Laut Reiseführer ein von Franken gegründeter Ort mit einem total fränkischen Charakter. Schon beim Einfahren in den Ort tönt Tom: „Wo ist das Anti-Kitsch-Spray?“

Wie sollen wir diese grausame Touristenfalle beschreiben? Um es mit Gabis Worten zu sagen: „Ich war neugierig. Ich hatte echt nicht viel erwartet. Doch ich wurde bitter enttäuscht!“ 😉 Von „Franken“ wie wir es kennen, keine Spur. Der ein- oder andere Ansatz von Fachwerk, aber ansonsten eher oberbayerisch verkitschte Häuser und Hotels. Im Käseladen gibt es Schokoladenkäse oder den berühmten Dipkäse, der laut Tom nach einer Explosion aus intensivem Schmelzkäse schmeckt und noch stundenlang danach Toms Gaumen Freude bereitet (kein anderer hat sich ran getraut). Weder hier noch in Willis Sausage Company gibt es eine Semmel für unsere Mittagsvesper. Auch im „Biergarten“ mit Livemusik keine 3 im Weckla für den Tom. Das Bier probieren wir da aus Protest schon nicht mehr. Der Alleinunterhalter auf der Bühne (Quetschn mit Dosenmusik hinterlegt) wiederholt freimütig einen Zuhörer, der sagt: „Deine Musik ist den Eintritt wert.“ Unser Blick fällt auf das große Schild: Eintritt frei! Das erste Lied das wir hören hat laut Uwe noch was mit einem Schottisch zu tun, danach driftet „Fred“ ab und spielt und singt in einer Falschheit und Grausamkeit polnisch-amerikanische Volkslieder, die einem das fränkische Blut in den Adern gefrieren lassen. Nur schnell weg hier! Oder sollen wir vielleicht doch für die Daheimgebliebenen eine Lederhosenschürze kaufen?

Das einzig Nette ist die Covered Bridge (überdachte Holzbrücke) und das interessante kleine Museum des Ortes, in dem die Herkunft und die Lebenssituation der ersten fränkischen Siedler erläutert wird und deren Assimilation in die amerikanische Gesellschaft bis hin zu Kriegsteilnahme für Amerika. Witzig, die Audio-Einspielungen in fränkisch, zum Teil mit amerikanischem Slang vermischten Geschichten zu hören. Kinder und Gabi können sich an Wassereimertragen und Mehlsäcke stemmen ausprobieren. Doch auch diese „Highlights“ können die Enttäuschung auf Beates Gesicht nicht auslöschen. Beate: „Nicht Enttäuschung! Ich hatte es mir nur anders vorgestellt.“ Anne: „Mehr … fränkisch“. Wir stellen uns vor wie ein Amerikaner zum anderen sagt: „Ich brauche gar nicht nach Deutschland/Franken fahren, ich war doch schon in Frankenmuth“. Wenn dieser Eindruck tatsächlich entstehen sollte, na dann Gute Nacht.

Gottseidank (zumindest für alle außer Tom) wartet der Tageshöhepunkt für uns ja nur Minuten entfernt: Das Bronner Christmas Wonderland, der laut Eigenwerbung größte ganzjährige Weihnachtsladen der Welt. Es blinkt, glitzert und leuchtet von allen Seiten. Überlebensgroße Figuren selbst an der Decke machen klar, hier liegt das Augenmerk nicht auf dezentem, künstlerischem Weihnachtsschmuck. Doch allen (natürlich außer Tom) macht es Riesenspaß die langen Regale des in 20 große Abschnitte aufgeteilten Ladens entlang zu schlendern und Giraffen und alle anderen Tiere mit Weihnachtsgirlanden zu sehen bzw. Kugeln für alle Sportarten oder Hobbies zu begutachten.

Mickey Mouse!
Santa Claus!
Tom denkt sich: Nichts wie raus!
Während wir in den Einkaufsrausch verfallen, geht er schon mal zum Auto zurück und verflucht den Tag, an dem Gabi die eigene Kreditkarte gekriegt hat 😉
Um uns zu rechtfertigen, möchte ich noch betonen, dass wir hier vor allem Mitbringsel und Geschenke erstehen. Tom: „Anders ausgedrückt: Das Zeug ist selbst Euch zu kitschig“. Gabi: „Aber gesehen haben muss man das doch mal“. Tom: „Aber nur wenn man über einen stabilen Magen verfügt“

Dieser an Highlights gesegnete Tag soll ein Ende finden in Ann Arbor. Also heizen wir die letzten eineinhalb Stunden auf der Autobahn. Immer schön im Konvoi.

Exkurs: Ihr fragt Euch sicherlich, wie wir uns immer wieder treffsicher finden, wenn wir in zwei Gruppen los ziehen oder im Konvoi unterwegs sind und uns verlieren. Ein Tipp: Es liegt nicht am versagenden Deo Toms. Dieser Geruch kann zwar helfen, aber für die erste Orientierung nutzen wir Walkie-Talkies – die wir dank einer guten Eingebung Toms dabei haben. So halten wir auch immer Kontakt zwischen den Autos, dass Schilder, Rehe, Aussichten und dahinmodernde Waschbärkadaver auch augenblicklich kommentiert werden können. Heiß geliebt sind auch die Lästerattacken gegenüber Mitreisenden oder armen Seelen, die sich mit uns die Straße teilen müssen. Eine Kostprobe gefällig? Wir fahren zum Beispiel ganz entspannt im Konvoi nach Ann Arbor. Uwe: „Jetzt schiebt sich dieses A***** hier rein!“, womit ein verzweifelter Truckfahrer gemeint ist, der einfach nur die Autobahn verlassen möchte. Oder ein weiterer Versuch, Gefühle auszudrücken: „Du blödes Deppenhaufengerät“.(3 Punkte von 5 auf der offiziellen Michigan-Autofluchskala).

Unsere Übernachtung heute sollte eigentlich wieder ein Kleinod werden namens „Three Bears Cottage“, eine Hütte in der wir alle sechs Platz haben. Als wir ankommen, führt uns die unfreundliche Empfangsdame („Holt Euer Gepäck doch schon mal rein, ihr könnt dann um die Ecke parken, ich zeige Euch später die Zimmer“) ins dritte Geschoss des Hauses, an dunklen, muffigen Zimmern und staubbedeckten Mobiliar vorbei. Hier zeigt sie uns drei Zimmer. Anne müsste hier alleine in einem Zimmer schlafen. Erst auf Nachfrage, was denn mit unserem reservierten Cottage wäre, sagt sie das wurde für 4 Wochen vermietet und sie hätte uns doch eine E-Mail geschrieben? Nein, hat sie nicht. Es ist auch sonst wenig einladend und ungemütlich und von Herzlichkeit ist keine Spur. Wir beraten uns kurz und entscheiden: Hier bleiben wir nicht. Tom fasst sich ein Herz und teilt dies der Dame mit, die eingeschnappt verschwindet. Nach einer kurzen Befragung des Navis finden wir ein Days Inn, das für die Hälfte des Cottage-Preises unsere Übernachtung sichert. Ohne zwei Monsterhunde, die Carina zu Tode fürchtet.

Fürs Abendessen landen wir im Applebees, ein Familienrestaurant. Carina bleibt bei Mac&Cheese (Nudeln mit Käsesoße) und Uwe schrammt haarscharf an einem Burgerkoma vorbei. Chili cheese fries sind eine weitere neue Erfahrung für die Europäer, laut Beate etwas dekadent, aber wenn man nicht im Urlaub mal genießen darf, wann dann?

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