Samstag, 13.08.2011: Grenzgänger und vogellose Vogelparadiese

Das Hotelfrühstück beinhaltet heute Waffeln – Carina ist zufrieden! Auch wir anderen (natürlich außer Tom) finden etwas Essbares, nicht gesund, zu süß und kein Kaffee sondern gefärbtes Wasser, aber für einen Start in den Tag gerade noch brauchbar. Tom meint sogar, für diesen Preis wäre die Auswahl (immerhin auch Obst und Joghurt) sogar prima. Na also.

Wir fahren zügig los, denn das heutige Tagesprogramm umfasst einen unkalkulierbaren Posten, den Grenzübergang. Zuvor allerdings wollen wir zum Henry Ford Museum bzw. Greenfield Village, ein Freilandmuseum. Thema beider Museen ist die Technisierung der (amerikanischen) Gesellschaft seit der Pionierzeit bis heute. Im Ford Museum sind Autos, Flugzeuge und –maschinen aller Art sowie Eisenbahnen ausgestellt. Die Riedls sind begeistert von den Präsidenten-Fahrzeugen und dem Auto, in dem Kennedy erschossen wurde. Das Freilandmuseum hat Gebäude aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, zwar überwiegend Nachbauten, doch interessant ist es schon, in berühmte Werkstätten hinein zu schnuppern. Wir besuchen z. B. die Fahrradwerkstatt der Gebrüdern Wright und das Labor von Thomas Edison. Außerdem haben wir eine Schulstunde mit einer gestrengen Lehrerin. Das Personal ist auch hier wieder mit Kostümen ausstaffiert und erzählt teils richtig enthusiastisch von spannenden Entdeckungen und wichtigen Momenten der Industrialisierung. Nicht zu vergessen den regen (Automobil-)Verkehr auf den blitzsauberen Straßen des Villages: Model T’s und andere fordianische Oldtimer tuckern mit Touristen ihre Kreise, ab und zu bildet sich ein Stau, weil eine Pferdekutsche einfach zu langsam vor sich hin trottet.

Nett ist auch ein Baseball-Worldcup, der an diesem Wochenende im Greenfield Village auf Einladung des Museums stattfindet. Die Mannschaften bestehen aus Hobbyspielern der Region, die nach den Regeln von 1867 Baseball spielen und auch so gekleidet sind. Die Regeln von 1867 sollten ja allgemein bekannt sein und entsprechen nach allgemeinem Verständnis nicht denen nach 1866 oder 1868. Also, gefangen wird ohne Handschuhe und der Ball gefangen als „Underhand-pitch“. Großer Unterschied zu den Regeln anderer Jahre: Einmal aufspringende gefangene Bälle („Single-Bouncer“) führen nicht zum Out. Aber das wisst ihr ja alles, wir erfahren es durch eine Unterhaltung mit einem der Spieler. Das Spielfeld ist sehr nett gelegen auf einer Wiese, umgeben von großen Schatten spendenden Bäumen, wo sich viele Zuschauer tummeln. Selbst die begleitenden Damen tragen ihre hübschen Kleider und natürlich können sich Kinder im Baseballwerfen üben.

Noch ein Wort zu den Straßen Detroits. Riesige Schlaglöcher, Dreck überall und heruntergekommene Gegenden passieren wir auf dem Weg zu den Museen. Hier möchten wir nicht aussteigen. Wir hoffen, Detroit ist nicht überall so – denn dann wäre es wirklich so mies wie sein Ruf.

Es ist nach Mittag, als wir auf die kanadische Grenze zusteuern. Gabi möchte unbedingt die Brücke nehmen. Die Strecke dorthin ist ein Hindernis- und Hürdenlauf durch die spanischen Vororte von Detroit. Kaum ausgeschildert, eine einzige Baustelle und letztlich kommen wir mehr durch Glück als durch Verstand an einem Schild vorbei, das uns den Weg Richtung Brücke erinnert. Einmal am Schild „Must Precide to Canada“ (ab hier musst Du in Kanada einreißen“) vorbei, kommt sich Tom vor wie am Todesstreifen an der Grenze zur DDR. Verwaiste Betonwüsten, hohe Absperrungen, Gitter, Stacheldraht und schier gleißender Asphalt. Plötzlich sind wir auf der Brücke, die in einem riesigen Bogen über den Verbindungskanal zwischen Lake Erie und Lake St. Clair führt. Und dann stehen wir auch schon an. Gottseidank ist die Autoschlange kurz und wir stehen 10 Minuten auf dem kanadischen McDonalds-Parkplatz.

60 Minuten Fahrt durch kanadische, hässliche Küstenorte folgen, bis wir am Point Pelee-Nationalpark ankommen. Dieser Park ist der Südzipfel Kanadas am Lake Erie und ein wahres Vogelparadies. Zumindest im Frühjahr und Herbst. Jetzt jedenfalls sieht man so gut wie gar keinen Vogel. Eine 150.000 cm lange Wanderung auf Holzbohlen inmitten der dicht bewachsenen Marsch- und Schilflandschaft ist zwar interessant, aber auch ohne das Grölen einer Hochzeitsgesellschaft eigentlich nicht wirklich einen Halt wert. Die Tiere fehlen irgendwie.

Die Riedls versuchen es daher am Strand, wir wollen einen anderen Weg Richtung Weißkopfseeadler-Gebiet einschlagen. Doch die dichten Hecken sind ein El Dorado für alle Moskitos Kanadas und als wir kurz stehen bleiben wollen, um Blüten zu fotografieren, werden wir sofort von regelrechten Mückenwolken angegriffen. Das macht wirklich keinen Spaß. Wir gehen daher nur ein kurzes Stück am Wasser entlang bzw. im Wasser entlang und entscheiden uns dann für die Weiterfahrt. Diese geht über ländliche Landschaft, an Tomatenfelder entlang (der größte Arbeitgeber der Region heißt „Heinz“). Hier ist echt der Hund gefreckt. Es gibt mehr einzelne Gehöfte, kaum Dörfer. Alles wirkt heruntergekommen. Niemand ist zu sehen. Im einzigen Kaff decken wir uns mit einem kalten Abendessen ein und fahren in unser Motel in Chatham. Die Riedls hatten die gleiche Idee und so vespern wir im Foyer unseres Motels, das erst durch die Kinderstimmen so richtig lebendig wird. Der Rest dieser Stadt wirkt ebenso trostlos wie vorher beschrieben. Bis jetzt ist Kanada eine Enttäuschung. Anmerkung: Die Kids lieben das Motel, hat es schließlich einen Pool zu bieten, auch wenn der klein ist, das Wasser widerlich schmeckt (so zumindest Annes Kommentar – wir haben es nicht selbst probiert) und Beate Angst aufgrund der Baufälligkeit hat.

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