Dienstag, 16.08.2011: Flower Power, Drachen, Krawatten, Graffiti und tanzende Kinder

Wir beginnen den Tag mit einem gemütlichen Frühstück im Garten unserer Unterkunft. Gestern haben wir dafür schon für alle Geschmäcker eingekauft und so gibt es heute alles bunt durcheinander. Donuts, Kraut- und Currysandwich und Bagels werden mit Saft, Kaffee und Mandelmilch weggeputzt und so sind wir gestärkt für die geplante Tour durch einige der Stadtteile. Toronto ist nämlich bekannt für seine sehr unterschiedlichen Stadtteile, die alle einen ganz eigenen Flair versprühen.

Ausgestattet mit einer Tageskarte für die Öffentlichen fahren wir also mit der U-Bahn bis zum Stadtteil Kensington Market. Hier hat die alternative Szene Fuß gefasst. Das heißt, die Häuser sind verschroben, heruntergekommen und mit Graffiti bemalt. Dazu gibt es überall kleine Boutiquen und Lädchen, die jeden möglichen Krimskrams anbieten, oft Second Hand. Daneben viele kleine Imbisse oder Restaurants mit allen kulinarischen Geschmacksrichtungen. Da weiß man gar nicht wo man zuerst hinschauen soll, die Straßen sind wirklich faszinierend, wenn auch ziemlich dreckig. Jedes Haus für sich ist äußerst individuell gestaltet, jeder verwirklicht hier seine Vorstellung von kollektiver Individualität. Wer ein Lolitakleid, eine Gasmaske aus dem kalten Krieg oder einen Schutzanzug braucht, ist hier richtig. Auch Cowboystiefel, Billigschmuck oder neonfarbene Leuchtjacken kann man erstehen. Tom bekommt von Gabi den Auftrag, so viele Graffiti wie möglich zu fotografieren. Da ist er die nächsten Tage beschäftigt… Als Tom sich endlich aufrafft, in einem Laden der laut Schaufenster nur Churros anbietet, solche zu kaufen, bekommt er zu hören, dass diese noch nicht fertig seien. Warum zum Teufel hat dieser Laden dann schon offen?

Kensington Market geht nahtlos in Chinatown über. Gerade noch Hippieklamotten, dominieren jetzt rote Lampions das Straßenbild. Selbst der Geruch ändert sich. Torontos Chinatown hält was der Name verspricht, wir spitzen also in überbordernde Gewürzläden, wo neben Gewürzen, Pilzen und Wurzeln verschrumpelte Dinge in Körben liegen, von denen wir froh sind nicht zu wissen was das ist. 😉 Die Damen vergnügen sich in einem Ramschladen, der den „Made in China“-Kram zu sehr vernünftigen Preisen anbietet und so kann sich Beate endlich auch einen Glückslampion kaufen. Uwe „liebäugelt“ mit den ganzen gebratenen Enten im Schaufenster. Ja, ganz heißt hier mit Hals und Kopf! Besonders toll sind auch die Seitenstraßen mit den sehr künstlerischen Malereien an den Wänden. Asiatische Motive winden sich um Türen und gehen in Gehweg und Straße über. Blöd dass man den Gesamteindruck so schlecht fotografieren kann…

Der nächste krasse Übergang lässt nicht auf sich warten. Wir werden in den Financial District geschwemmt, also den Geschäftsdistrikt der Stadt. Da wir mittlerweile auch schon Mittagszeit haben, geht es gleich hektischer zu, Anzugträger eilen mit Kaffeebechern und Plastikmenüs an uns und den Hochhäusern vorbei. Diese sind aber nicht so schön wie in Chicago. Wir halten für Fotostopps und Snackaufnahme im Eaton-Center und an der alten und neuen Stadthalle und schauen dann, dass wir den Weg zum St. Lawrence-Market finden. Auf der Karte haben diese Stadtteile aber alle näher beieinander ausgesehen…. Unsere Füße werden schon schwer, es ist heiß und wir schwitzen. Begeistert schlüpfen wir daher in den riesigen, düster aussehenden Komplex, der einen der größten Märkte weltweit beherbergt. Hier gibt es von touristischem Krimskrams bis hin zu Käse, Backwaren, Oliven bis hin zu frischem Fisch und Fleisch alles, was das Herz eines Koches begehrt. Leider können wir davon nichts mit nach Hause nehmen. Daher beschließen wir spontan für ein Abendessen uns hier einzudecken: Oliven, Brie, Hartkäse und Baguette sollten für uns zwei reichen. Die Riedls trennen sich von uns, sie essen hier etwas warmes, und gehen dann zurück, dass die Kiddies sich vor unserem abendlichen Abenteuer noch etwas ausruhen können.

Wir setzen uns außerhalb des Gebäudes auf einen Stein in die Sonne, um unseren weiteren Weg in den Distillery District zu finden. Hier haben wir eine Begegnung der Dritten Art. Wir werden von einem etwas zerlumpt aussehenden Herren mit Hut angesprochen, der uns sofort als Deutsche erkennt und uns seine Story erzählt. War neulich erst mehrere Tage in Deutschland und reist im Gefolge eines reichen Inders für wohltätige Zwecke durch die Welt. Dann erklärt er uns die besten Restaurants der Stadt (nicht billig) und erklärt uns den Weg zum Destillery Destrict. Wie man sich doch durch das äußere manchmal täuschen lassen kann. Noch immer etwas verwirrt setzen wir uns in Richtung des Distillery Destricts (der ist noch eine ganze Ecke weg) wieder in Bewegung. Entlang eines hübschen Wohngebietes (das leider unmittelbar an der Autobahn liegt) versuchen wir uns im Schatten zu halten und stolpern dann in den Distillery Destrict. Alte Backsteinhäuser domineren hier das Bild. Umgebaute Lagerhallen, bei denen sogar noch die Förderanlagen und andere Maschinerien an Ort und Stelle gelassen wurden, sind hier geschmackvoll in Restaurants und kleine Läden verwandelt worden. Gabi gefallen vor allem die Boutiquen und Kunstgalerieren, für die wir leider 🙂 nicht all zu viel Zeit haben. Gleich am Anfang findet Tom eine voll deutsche Wirtschaft mit Schwarzbrot und Laugensemmeln auf dem Tisch. Er ist mitten im fotografieren, als er sich mal umdreht und einer vollständigen Kameracrew ins Auge blickt (inkl. Ca. 14 Regiestühlen, Catering und mehreren Kameras. Offensichtlich steht er ganz dramatisch im Bild. Dieser Stadtteil verströmt so viel Charme, dass wir ihn auf die Liste der noch einmal in unserem Leben zu besuchenden Ortsteile hinzufügen.

Danach geht der lange Wanderweg zu einer U-Bahnstation zurück. Uns brennen mittlerweile die Füße, so dass wir dem Flatiron Building (ein kleiner Abklatsch des Originals in New York) nicht viel Beachtung schenken können. Ab in die Öffentlichen und zurück in die Unterkunft. Dort reicht die Zeit gerade für eine leckere Brotzeit (so guten Europäischen Käse und Baguette haben wir schon länger nicht mehr gegessen), Duschen und einen ausgiebigen 20iger 😉

Danach werden die extra mitgebrachten Kleider, Hemden und Schmuck angelegt. Denn heute Abend haben wir Karten für das Musical Billy Elliot. Und das Musical hält, was die Kritiken versprechen. Besonders die Riedls, die noch nie ein Musical Live gesehen haben, sind von den Socken, noch Tage später erzählt Carina davon. Diese „überlebt“ das Musical allerdings nur aufgrund der weisen Voraussicht Beates, die Konzert-Ohrstöpsel für Carina dabei hat, sonst wäre der kleinen Maus die Musik manchmal zu laut gewesen. Wir sind vor allem von der Leistung des 12jährigen Hauptdarstellers angetan, der in fast jeder Szene seinen vollen Einsatz zeigt und sich die Füße heiß tanzt, singt und schauspielert. Das Bühnenbild droht ob der leeren Anfangsbühne ein Fiasko zu werden, doch dank äußerst nett aufgebauter fahrbahrer Bühnenteile ist selbst Tom (bei minimalistischen Bühnenbildern sehr unleidig) vollauf zufrieden.

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