Samstag 22.10.2011: Wo die Engel landen

Wir sind früh auf den Beinen. Und fahren weiter. Der Zion National Park ist unser Ziel. Wie sich vielleicht der Ein- oder Andere noch erinnern kann, waren Gabi und Tom hier schon einmal – auf der Urlaubsreise, die uns zusammen gebracht hat. Und wie noch besser Informierte wissen, hatte Gabi an dem für Zion Wanderungen geplanten Tag den Tom in eine Klinik ins 40 Meilen westlich des Parks gelegenen Hurricane gefahren, wo dieser Antibiotika gegen seine schwere Bronchitis bekommen hatte. Was war damals an Wanderung im Zion offen geblieben? Eine von zwei Wanderungen, die auf Toms Must-Do-Liste schon seit Jahren stehen und er es bis jetzt nie geschafft hat. Diesmal soll es klappen.

Während der Fahrt diskutieren Gabi und Tom, ob es nun ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, dass Tom exakt weiß in welchem Supermarkt in La Verkin wir uns versorgen werden. Wir entscheiden uns für „Ein Gutes“. Und so versorgen wir uns dort in einem größeren Einkauf mit Getränken, Shampoo und Duschgel (ihr erinnert Euch?) sowie einer Zahnbürste für Tom (nachdem Gabi nur die Hülle aber nicht die Zahnbürste selbst eingepackt hatte) :-).

Schnell – einen heißen Frühstücksburrito mampfend – geht es weiter zum Park. Die Farben im frühen Morgenlicht sind schon phantastisch. Der Himmel strahlend blau. Es soll heute 29 Grad Celsius werden, doch noch ist es empfindlich kalt.

Wir sind kurz nach 9 Uhr am Visitor Center und wenig später im Shuttle Bus zu unserer Wanderung. Toms Prognose – nach Labor Day hat kein Ami mehr Urlaub geht nicht auf, so dass der Parkplatz schon am Morgen ziemlich voll ist (am Nachmittag restlos überfüllt) und die Shuttle-Busse ebenso. Uns macht das wenig aus, die Wanderung auf die wir uns so lange gefreut haben auf die Spitze von Angels Landing ist anstrengend. Und beginnt gleich einmal mit einem steilen Anstieg, so dass sich die Spreu vom Weizen schnell trennen sollte. Der Anfang ist geteert, und Gabi unkt schon, dass dies wohl den gesamten Weg so bleiben würde. In steilen Serpentinen geht es bergan,

Die erste halbe Stunde sind wir der jetzt stärker werdenden Sonne ausgesetzt und wir fangen bald an, Schichten unserer Kleidung abzulegen. Umso krasser der Temperaturunterschied, als wir in den Refrigerator Canyon einbiegen. Dieser ist dunkel, fast schon düster und wirklich kalte Luft kommt uns entgegen. Nicht umsonst heißt Refrigerator ja auch auf Deutsch Kühlschrank. Diesen geht es entlang, nur um danach wieder in schier endlose Serpentinen überzugehen. Gabi schnauft und ist knallrot im Gesicht, während Tom eigentlich noch ganz fit ist, würde ihm da nicht der Schweiß in Strömen vom Körper laufen und tropfen und damit preisgeben, dass auch er angestrengt ist. Doch schon der der erste Blick vom Mittelplateau auf das Tal unter uns belohnt uns für unsere Mühen. Von hier aus sieht man nicht nur das gesamte Tal unter uns, sondern auch, wie sich der weitere Aufstieg auf Angels Landing als schmaler, teilweise steil ansteigender Grat vor uns erstreckt.

Von Einsamkeit ist hier allerdings leider keine Spur. Wie es sich schon beim Aufstieg angedeutet hat, ist dies der populärste Hike des Parks und so macht ihn auch jeder, der (noch) fit genug ist. Hut ab vor einem vielleicht 75 bis 80 jährigen Herrn, der zwar langsam aber beständig sich seinem Ziel Angels Landing nähert.

Der restliche Kilometer zum Gipfel ist eigentlich noch anstrengender und definitiv Nerven zehrender wie der bisherige Teil. Eine Herausforderung für Gabi! Hier ist eher klettern wie wandern angesagt. Es gibt viele mit Ketten gesicherte Passagen, welche die Auf- und Abstiege jedoch nicht viel einfacher machen. Damit nicht genug, passiert das Ganze wie bei einem Drahtseilakt direkt neben einem tiefen Abgrund. Doch das ist nicht immer so. Manchmal ist der Abgrund auch auf beiden Seiten zu finden 😉 So hat die engste Stelle nur knapp über einen Meter Breite zu bieten. Links und rechts geht es 500 Meter bergab. Und wäre das Alles nicht genug des Spaßes, gibt es auch noch viele Engstellen, wo Warten auf den Gegenverkehr angesagt ist, bis man selbst die Passage angehen kann oder man quetscht sich eben auf dem schmalen Pfad aneinander vorbei. Denn was wir vergessen haben zu erwähnen, ist natürlich, dass es von dieser Felsenspitze keinen weiteren Abstieg gibt, so dass Alle den Weg zurückgehen müssen.

Ein Wanderer ruft „Eagle“ und Tom sieht einen California Condor (die sich erst seit neuestem in der Gegend angesiedelt haben) nur wenige Meter an sich vorbei fliegen. Gabis „Was? Wo? Wer?“ sorgt dafür, dass sie ihn nur aus der Ferne sieht. Was für ein majestätischer Anblick. Und so kann Gabi wieder ein großes Wildtier von ihrer imaginären „Wilde-Tiere-die-ich-in-der-Wildnis-sehen-will“-Liste streichen. OK, sie hat den Condor erst auf die Liste setzen müssen um ihn dann abzustreichen, aber die riesige Flügelspannweite ist auf jeden Fall beeindruckend…

Eigentlich gar nicht so viel später hören wir von den Entgegenkommenden schon „You almost did it“ („Ihr habt’s fast geschafft“) Und tatsächlich, gegen halb eins sind wir auf dem Engellandeplatz angelangt und staunen über die Schönheit der Natur. Das Tal liegt so friedvoll unter uns, dass zumindest Gabi fast die Tränen kommen ob der Erhabenheit. Wir setzen uns, genießen die Sonne und zelebrieren die Perfektheit des Augenblicks mit einer Brotzeit

Eine alte Binsenweisheit sagt: Rückwärts ist es immer anstrengender. Nicht nur, dass sich Gabi beim Klettern mit dem Rücken zum Abgrund viel unsicherer fühlt. Das geht halt auch viel mehr auf die Knie, nicht zu vergessen der lange Abstieg die vielen Serpentinen entlang, erst in den Refrigerator Canyon und nach diesem in das Tal hinab.

Doch der Refrigerator Canyon hat sein Gesicht absolut gewandelt. Die Sonne strahlt den Canyon aus, die Wände leuchten und aus dem kühlen, dunklen Einschnitt ist ein Farbenspiel geworden. „Dank“ des weiterhin steil abfallenden Wegs und der 3 Blasen für Gabi und 1 für Tom sind wir zum Schluss dann heilfroh, als wir wieder an der Shuttle-Bus-Haltestelle angelangt sind.

Wir wollen jetzt erst mal zu unserem Bed and Breakfast im 10 Meilen entfernten Rockville. Doch in Springdale machen wir noch schnell bei einem Canyon Outfitter halt. Was wir dort alles buchen und reservieren wird hier allerdings noch nicht verraten. 😉

Unser B&B heißt Roseville Inn. Wir werden von Scott, einem jungen, tätowierten Schönling, dem Besitzer empfangen. Wo ist nur die nette freundlich Dame, die einfach zu jedem B&B gehört? Doch Scott ist ja auch äußerst freundlich und nett, und außerdem kann er uns gleich aus erster Hand in die Geheimnisse der Gegend einweihen. Gut, nur dass er in Tom einen ebenbürtigen Gegner gefunden hat, der nicht nur das Meiste schon weiß, sondern zudem noch einen draufsetzen kann 🙂

Nach der dringend notwendigen Körperpflege fahren wir eine kleine Nebenstraße zur Geisterstadt Grafton, wo zwei Häuser und ein Friedhof zwar nicht super spannend sind, doch wenn man das rote Glühen der Felsen im Sonnenuntergang und die unglaublich friedliche Stimmung noch dazunimmt, doch einen Abstecher wert ist. Am nächsten Tag entdecken wir, dass alle Bewohner der B&B in Grafton waren – die Überreste des roten Staubs der ungeteerten Straße verraten alles.

Wir gönnen uns ein verdammt leckeres Abendessen im uns schon wohl bekannten Spotted Dog in Springdale. Gabi gibt sich eine lokale Red Trout (Rote Forelle), während Tom eine langsam gekochte Lammkeule schlemmt. Gabi krönt das super leckere Essen noch mit einem Espresso mit richtiger Crema – ob ihr es glauben wollt oder nicht, ihr ERSTER Kaffee des Tages.

Auf der Rückfahrt singt Tom (beim dritten durchfahren von Rockville nun schon zum dritten Mal) „Rockville, Rockville Amadeus Da Da Da Da…“ (nach Falko). Gabi darauf angesprochen, ob das nicht witzig sei meint. „Ich habe Dir nicht zugehört. Wenn ich bei jedem Unsinn, den Du erzählst zuhören würde…“ – gut, dass wir das nun auch wissen!

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