Sonntag 23.10.2011: Wir hängen in den Seilen

Wie es sich für ein von uns (eigentlich ja von Gabi) ausgesuchtes B&B gehört, legen wir besonders Wert auf die Qualität des zweiten B. Dieses entpuppt sich heute als ein Teller respektabler und leckerer Breakfast-Bagel mit Ei-Speck-Tomaten und mit toll angerichtetem Obst. Es sind noch zwei weitere Pärchen Gast des Hauses, ein älteres aus Kalifornien und ein sehr junges aus dem nahen Las Vegas. Schnell entwickelt sich eine nette Unterhaltung. Tom macht mal wieder ein bisschen auf Alleinunterhalter, und die Stimmung ist gelöst.
Danach überlegen wir, wie wir den Vormittag „herumbringen“ wollen. Die Kolob-Terrace-Road, die uns schon vor 3 Jahren zu unserer Wanderung in die Subway gebracht hat und uns mit phantastischer Landschaft in Erinnerung geblieben ist, kommt uns dafür gerade recht. Wir fahren durch extrem abwechslungsreiche Landstriche, die Farben der Natur leuchten im Morgenlicht. Der Kontrast zwischen den roten Steinen, dem fast weißen, langen Trockengräsern und dem blauen Himmel ist einfach unglaublich schön. Dazwischen sorgen gelbe Blumen und grüne Büsche für weitere Farbkleckse. Uns geht das Herz auf und Tom springt schon auch mal vor Glück für ein Foto in die Luft.

Durch ein besonders attraktives Feld aus leuchtenden Trockengräsern geht ein Feldweg, aus dem, wie der Zufall es so will, ein Pickup-Truck herauskommt, als wir gerade für Fotos am Straßenrand halten. Tom reagiert sofort und hält den Fahrer an. Er will wissen, ob dieser Weg auf einem Privatgrundstück verläuft, oder öffentlich zugänglich ist. Es sei Privatgrund, aber wir dürfen ihn gerne betreten und durchwandern, so der Besitzer. Aber wenn wir nun schon mal hier seien, sollten wir auf keinen Fall die Petroglyphen (Wandzeichnungen von Indianern) in einer Höhle verpassen. Der Weg ist unmarkiert und auch nicht einfach zu finden, aber er erklärt uns wie wir dorthin kämen. So geht es erst den besagten Feldweg entlang, dann durch ein Feld hüfthoher Trockengräßer auf eine Ansammlung von Felsen zu. Dort treffen wir in einem kleinen Wäldchen auf eine Reihe von Fußspuren. Wir folgen diesen gegen die Meinung von Gabi. So kommen wir letztlich um die Felsengruppe herum zu einer Höhle. Hier müssen die Felsenmalereien sein. Normalerweise handelt es sich dabei um ein paar in dem dunklen Fels gekratzte Figuren, die man eher erahnen kann, als sie wirklich zu sehen, doch hier ist das völlig anders. Wir sehen Figuren, die zwar alle schon etwas ausgeblichen sind, aber immer noch etwas von ihrer Leuchtkraft für uns übrig haben. Ca. 7000 Jahre alt, versprühen sie noch immer Charme. Die Abgeschiedenheit und der geringe Bekanntheitsgrad dieser Höhle sorgen für eine magische Stimmung. Wir entdecken Zeichnungen von Tieren, Menschen und Wesen die wir für Götter halten.

Doch wir müssen diesen Ort bald wieder verlassen und zurück nach Springdale, haben wir dort um 13 Uhr doch einen Termin. Wir haben nämlich gestern eine halbtägige Einführung ins technische Canyoning gebucht. Was das ist wollt ihr wissen? Wir dachten an ein bisschen Grundübungen im Abseilen und sowas. Doch wir können Euch jetzt schon verraten: Weit gefehlt. Wir sollten heute alle noch unsere Grenzen kennenlernen und unseren Horizont erweitern.

Der Guide unserer kleinen Gruppe heißt ebenfalls Scott und wir bilden zusammen mit Eric (einem seit Monaten mit seinem Van durch die USA tingelnden und auch im Auto schlafenden Kanadier) eine ziemlich kleine Gruppe. Er fährt uns mit dem Auto zu einer Stelle, wo wir die Dinge (die wir noch gar nicht gelernt haben) gleich mal ausprobieren können. Völlig unglaublich ist, wo wir hinfahren, denn es ist wohl eine eins zu einer Million-Chance, aber unsere Tour findet genau an der Stelle statt, wo wir noch vor 2 Stunden unser Auto für die Petroglyphen-Wanderung geparkt haben – nicht etwas 100 Meter die Straße rauf oder runter, nein genau dort. Lediglich auf der anderen Straßenseite schlagen wir uns in Gelände. Nach 10 Minuten Fußmarsch durch die Steppe und in einem immer leicht bergauf gehenden trockenen Flusslauf ziehen wir unsere Kletterausrüstung an und setzen den Helm auf. Wir sind bereit für das was immer da kommen mag. Wir sind in den Ausläufern des Lambs Knoll Berges, und hier gibt es einen Canyon mit dem viel versprechenden Namen Snake Alley, der uns als Übungsplatz dienen soll.

Erst einmal geht es einen steilen, glatten Felsen nach oben, von dem wir vorher nie gedacht hätten, dass wir ihn ohne Hilfsmittel erklimmen könnten. Tom ist der erste, der ihn bezwingt und schafft dies mit nur ein paar Abschürfungen an den Ellenbogen. Der von Scott gewünschte elegante „Aus-dem-Swimming-Pool-steigen“-Aufschwung war nicht so elegant wie es Tom sich gewünscht hätte. Aber immerhin hat er beim ersten Hindernis nicht gleich Sch… gebaut. Dann geht es entlang einer schrägen Felswand (da ist er wieder, der Abgrund) bis wir schon vor unserem ersten Abseilabenteuer stehen. Nach einer Einführung in Knoten und der richtigen Verwendung unserer Ausrüstung hängt Tom auch schon als Erster am Seil und läuft langsam den schrägen Fels rückwärts hinab bevor er überhaupt darüber nachdenken kann, was so alles passieren könnte. Interessant wird es, als er Po voraus über einer senkrecht abfallenden Steinwand hängt. Tiiief unter ihm sieht er den Boden. Also allen Mut zusammen genommen und die Wand hinunter gelaufen. Ist man erst einmal über der Kante, klappt es eigentlich richtig gut und fängt kurz vor dem Boden sogar an, richtig Spaß zu machen. Unten angekommen und aus dem Seil ausgehängt verrät ein Blick nach oben allerdings, dass aus der schier endlosen Steilwand nur 8 Meter geworden sind. Doch immerhin, fürs erste Mal ist das auch genug.

War da noch was? Ja richtig, auch Gabi muss da runter. Die Hände sind mittlerweile schweißnass. Wenn sie gewusst hätte, was auf sie zukommt – sie hätte niemals ja gesagt. Doch nun muss sie durch. Und – es klappt erstaunlich gut. Nach der Kante schwingt sie zwar etwas nach rechts ab, fängt sich aber gleich wieder und kommt natürlich sicher am Boden an. So elegant wie Scott sehen wir Anfänger zwar nicht aus, aber wir sind schon mal stolz auf uns.

Wie geht es weiter? Ein weiteres Abseilen in einem wunderbar rund gewaschenen Kamin, bei dem Scott eigentlich kaum noch in unsere Vorbereitungen eingreifen muss. Danach stehen wir vor der nächsten Aufgabe. Hier gibt es keinen Haken, um unser Seil einzuhängen, so laufen wir nacheinander eine so schräge Wand hinunter, dass wir vorher nie gedacht hätten, dass unsere Schuhe nicht rutschen. Am Ende der Schräge ist leider der Boden noch nicht in Sicht. Also muss man sich hier wohl etwas neues ausdenke. Für uns kommt der erste aber nicht der letzte dieser „Ich glaub Du hast ’ne Meise-Momente“, als wir uns aufrichten, die gegenüberliegende Wand packen und dann zwischen die Wände gespreizt uns nach unten bewegen sollen. Mit etwas Hilfe von Eric klappt das auch erstaunlich gut. Jetzt kommen die Hindernisse Schlag auf Schlag, wobei wir denken, dass wir das jeweils nächste Hindernis NIEMALS schaffen können. Der Canyon wird immer enger und Scott scheint darauf erpicht zu sein, uns auch wirklich jede Technik beizubringen. Also so was wie Po zu Füßen und vorwärts die Steilwand runter. Kein seitlicher Halt.
Oder einen Kamin hinab rutschen, wobei nur die Füße und der Rücken den freien Fall bremsen. Oder eine Felsspalte abwärts klettern indem auf je einer Seite ein Fuß und eine Hand abstützen. Dank Scotts und Erics Hilfe meistern wir das Ganze auch recht gut, wenn Tom auch feststellen muss, dass seine Hochgebirgswanderschuhe hier nicht immer den notwendigen Halt bieten, das Gewicht eines Elefanten (Ich muss das schreiben, er diktiert’s mir) grazil zu Boden zu bringen. Gabi meistert das viel besser. Die kleinere Reichweite ihrer Arme und Füße macht sie geschickt wieder wett und sieht dabei viel eleganter aus wie Tom.

Am Ende ist Snake Alley so eng, dass wir uns nur noch seitwärts durch den Spalt quetschen können, Tom überlegt schon, ob vielleicht das Abendessen gestern (oder eines der 100 davor) vielleicht zu viel des Guten gewesen sind. Doch wir schaffen es wieder ans Tageslicht, und erst auf dem Rückweg erkennt Gabi, wie toll diese Landschaft um den Canyon herum ist, auf dem Hinweg war sie so aufgeregt, dass sie nicht viel davon mitbekommen hatte. Was für ein Abenteuer!

Zurück in Springdale erhalten wir noch eine CD mit Bildern die Scott aufgenommen hat – doch eigentlich brauchen wir die gar nicht, denn Tom hat – verrückt wie er ist nicht nur jede Menge Wasser, sondern auch noch seine Spiegelreflexkamera durch den Canyon geschleift.

Wir genehmigen uns ein leckeres Abendessen im Bit&Spur, dem besten Mexikaner von Springdale. Ein weiteres Geschlemme und dazu noch einen Kaktusfrucht-Margharita. Die zwei Helden des Tages sind müde, erschöpft aber auch begeistert!

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