Montag, 24.10.2011: Die besteste Wanderung überhaupt wird noch besser

Ein Rückblick in den Oktober 2003: Tom ist mit einigen Kollegen auf dem Weg zu einer Konferenz in Los Angeles. Doch sie sind schon einige Tage vorher nach Salt Lake City geflogen, um gemeinsam einen Kurzurlaub in Utah zu machen. Und damals haben sie zusammen eine Wanderung in die Narrows des Virgin Rivers im Zion Nationalpark gemacht. Seit diesem Zeitpunkt rangiert diese Wanderung an Platz 1 an Toms Wanderhistorie.

Zurück in den Oktober 2011: Als wir unseren Kurztrip nach Utah geplant haben, hat Tom durch Sichtung alter Fotos und Tagebücher genau diese Woche gewählt, weil damals die Wanderung in die Narrows mit wenig Ausrüstung bei geringem Wasserstand möglich war. Unser Urlaub ist also eher mehr wie minder genau um die auf uns heute zukommende Wanderung aufgebaut. Nur, dass durch heftige Schneefälle Anfang des Jahres der Wasserpegel des Little Virgin River doch deutlich höher ist als gedacht. Was das bei einer Wanderung ausmacht? Tja, die Wanderung findet IM Fluss statt und so brauchen wir deutlich mehr Ausrüstung als gehofft. Aber wir können diese wieder beim Outfitter unseres Vertrauens mieten: canyontaugliche Wasserschuhe, ein hölzerner Wanderstock und das Herzstück: einen Dry suite, der als Ganzkörperanzug dafür sorgt, dass kein (oder besser kaum) Wasser durch den Anzug dringt.

Nach einem herzhaften Frühstück in unserem B&B und wieder angeregten Gesprächen fahren wir auch so früh wie möglich los. Wir holen unsere Sachen ab und sitzen kurze Zeit später schwer bepackt im Shuttle-Bus. Der letzte Halt und eine 1.6 km Wanderung führt uns zum Ausgangspunkt unserer Erkundung. Hier gilt es den Dry Suit anzuziehen. Wir rechnen mit Wasserstellen die bis knapp über die Hüfte (Tom) bzw. bis an die Brust (Gabi) gehen. Tom hat allerdings ganz heftig mit dem Anzug zu kämpfen. Der rechte Fuß passt ja noch gut durch die enge Gummimanschette aber der linke Fuß will einfach nicht durchpassen. Erst mit extrem viel ziehen, zerren, schimpfen und fluchen klappt es, doch die Gummimanschette ist voll gedehnt und schneidet das Blut ab. Was zum Teufel ist falsch? Dann erkennen wir den Irrtum, der so dämlich ist, dass man ihn besser verschweigen sollte: Tom hat es geschafft, den rechten Fuß in das linke Hosenbein zu stecken und den linken Fuß durch den linken Ärmel zu zwängen. Kein Wunder, dass der Fuß da nicht durch passen wollte. Wir haben Mühe, den Fuß wieder zu befreien und danach klappt das Anlegen des Dry Suits auch viel besser. Wir sehen aus wie bereit für eine Weltraummission.

So besteigen wir das Wasser. Die Neoprensocken und die Schuhe werden wasserdurchflutet. Puh, die ersten Schritte sind eisig kalt! Doch bald gewöhnt man sich an die Temperatur und in den Neoprensocken bildet sich auch eine Schicht warmer Flüssigkeit – wir hoffen es ist Wasser. Die Canyonwände sind hier noch relativ weit auseinander und wir bewegen uns eher im Zickzack durch das Wasser von Sand/Geröllbank zur nächsten. Doch schon nach einigen hundert Metern kommt die tiefste Stelle der Tour, wo wir nur dadurch unsere Rucksäcke vor Wasser schützen können, indem wir sie auf dem Kopf durch die Fluten tragen. Gabi geht das Wasser hier bis direkt unter die Brust. Das Balancieren des Rucksacks ist ja so schon nicht einfach, wenn man jetzt noch einen schnell fließenden Fluss dazunimmt, gegen dessen Strömung wir wandern und der bei jedem Schritt versucht unsere Beine wegzuziehen, dann wir daraus: SPASS! Anstrengender Spaß 😉 Den wir gottseidank mit relativ wenigen Menschen teilen müssen. Vermutlich wäre gestern, am Sonntag, fast schon Gedränge gewesen. Wir können heute aber immer wieder die ungestörte Schönheit der Natur bewundern.

Die Canyonwände rutschen mit der Zeit immer näher zusammen. Der Weg führt uns, immer leicht bergauf, mal über Sandbänke, mal an den Felsen entlang und immer wieder ím Zickzack quer durch den Fluss. Wir versuchen halt immer die Stellen zu passieren, die den einfachsten Pfad, sprich das seichteste oder die am wenigsten reißende Wasserstellen, bietet. Das ist nicht immer einfach einzuschätzen und die Fußabdrücke von anderen Wanderern verraten, dass auch diese sich oft nicht einig sind… Der dicke Holzstecken wird im Wasser quasi wie ein drittes Bein verwendet und sorgt in der Strömung für etwas mehr Standstabilität. Der Flussgrund ist sehr unterschiedlich beschaffen, große Felsblöcke, um die man herum wandern muss. Gebiete, die ziemlich flächendeckend mit verschiedenst großen Felsbrocken bedeckt sind. Diese sind zwar manchmal glitschig, aber begehbar. Trotz allem sind diese Stellen am tückischsten, da hier immer wieder Stromschnellen oder Wasserwirbel auftreten und dann der Boden nicht mehr klar erkennbar ist. Dann kann man nicht erahnen, was/ob Steine am Boden liegen und ob sich die Tiefe des Wassers ändert. Denn die Wasserhöhe variiert häufig und das Flussbett fällt des öfteren mal plötzlich so richtig ab. So lässt Gabi den großen Tom meist voran wandern, damit sie keine böse sprich nasse Überraschung erlebt.

Nach einigen Kilometern haben wir die sogenannte Wall street erreicht. Hier gibt es keine Sand oder Kiesbänke mehr. Statt dessen füllt der Fluss die komplette Breite zwischen mehrere hundert Meter aufragenden Felswänden aus. Ein atemberaubender Anblick! Was für ein Gefühl hier hindurchzuwaten! Die Ehrfurcht gegenüber Mutter Natur atmet man mit jedem kühlen Atemzug quasi ein… Außerhalb des Canyons mag es heute fast wieder 30 Grad C. haben, aber die hohen Canyonwände sorgen dafür dass die Temperatur tief im Canyon deutlich kühler ist.

Die Wall street ist ca. 1 km lang und an ihrem Ende drehen wir um, denn es ist jetzt halb zwei Nachmittags und wir sind schon leicht müde. Jetzt folgen wir natürlich dem Flusslauf. Wer jetzt meint, das wäre ja einfacher und weniger anstrengend, der irrt 😉 Die richtige Stromrichtung verringert zwar die Anstrengung, den Fuß im Wasser zu BEWEGEN, doch ein stabiles Setzen des Fußes oder des Stockes wird umso schwerer. Wir sind aber vorsichtig, so dass uns nichts passiert.

Die Wanderung ist, orientierungsmäßig gesehen, etwas für Dummys (Dummköpfe). Auf dem kompletten Weg gibt es nur eine Abzweigung. Der Orderville Canyon, durch den ein eher kleiner Nebenfluss fließt, der sich mit dem Virgin River vereint. Nachdem wir von unserem Hausherrn und entgegenkommenden Wanderern nur Gutes über den Abstecher gehört haben, müssen wir da natürlich hin. Wenn wir auch mittlerweile ganz schön mitgenommen sind und das korrekte Fußsetzen immer mehr Anstrengung kostet.

Doch wir geben uns nicht eher zufrieden, bis wir dem Seitencanyon über zwei Anstauungen hinweg zu einem Wasserfall gefolgt sind. Dieser verhindert unser Weiterkommen und auch die Beschreibung (Tom hat sich natürlich vorher so richtig schlau gemacht) rät hier zum Umdrehen. Wir sind heilfroh, die zusätzliche Anstrengung auf uns genommen zu haben, denn der kleine Fluss hat einen ganz eigenen Charakter, hoch über uns hängen Bäume und kleine Sträucher in Felsvorsprüngen und leuchten in Herbstfarben was das Zeug hält. Es regnet kleine Eichenblätter, der Wasserfall gluckert und die Sonne hat ebenfalls einen Weg in den Canyon gefunden und lässt die Wände golden leuchten. Ein verzauberter Ort.

Jedoch – wir müssen uns losreißen, denn es gilt ja noch den ganzen restlichen Rückweg zu überstehen. Dieser zieht sich natürlich, wie es sich für Rückwege von anstrengenden Wanderungen gehört. Doch irgendwann überquert Tom mal wieder den Fluss. Er steht im seichten Wasser direkt neben dem hohen Fels an einer Kurve und ruft verblüfft: „Wahnsinn“. Bis zu dieser Stelle gelangt die warme Luft von außerhalb, und der Temperaturunterschied ist gewaltig. So meistern wir die letzten paar Hundertmeter mehr und mehr schweißgebadet und sind froh, aus dem Wasser steigen und den River walk zum Shuttlebus antreten zu können. Insgesamt sind es zwar nur 12 km gewesen, die wir gelaufen sind, im Fluss mit der schnellen Strömung haben diese allerdings ziemlich viel abverlangt von uns.

Doch die Wanderung, die tollen Blicke, das Eins sein mit der Natur, die Erfahrung mit strömendem Wasser und auch das Überwinden der trägen und ängstlichen Schweinehunde waren alle Mühe doppelt und dreifach wert. Man spürt seinen Körper so ganz anders wenn man aus dem Wasser steigt. Die Muskeln schmerzen zwar (Gabi besonders die rechten Brust- und Schultermuskeln vom Stocknutzen, Tom die Ansätze der Oberschenkel). Doch die Füße sind plötzlich ganz leicht – und die Brust stolz geschwellt 😉

Wir belohnen uns im Outfitter-Shop mit je einem T-Shirt „I hiked the Narrows“ (Ich bin die Narrows gewandert) und danach im laut Scott besten Burgerladen des Ortes mit einem so richtig opulenten Abendessen: Spare ribs für Tom und den laut Karte weltbesten Truthahnburger für Gabi. Alles, selbst der Salat, die Pommes oder die blauen Nachos mit Salsa und Guacamole als Vorspeise sind super lecker. Und wieder besprechen am Tisch die zwei gefühlten Helden die Abenteuer des Tages! Was für ein Erlebnis!

Apropos Truthahn 😉 : Vom Shuttlebus aus sehen wir immer wieder Truthahnrudel und Rehe. Am Morgen überquert so eine Truthahngruppe mit einem riesigen, imposanten Hahn seelenruhig die Straße und lässt den Bus warten – Wildlife hat hier halt Vorfahrt!

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