Mittwoch 26.10.2011: Frozen to the Backbone

Und auch heute beginnt unsere Geschichte wieder in den frühen Morgenstunden. Diesmal mischen sich zwei Ereignisse: Das leise prasseln von Regen paart sich mit der Sehnsucht nach einer wärmeren Zudecke. So kuscheln wir uns aneinander, bis wir feststellen, dass wir ja noch die Überdecke neben dem Bett liegen haben. Damit ist zumindest das zweite Problem jugendfrei gelöst. Nur das erste hält sich hartnäckig. Als wir aufstehen und aus dem Motel schauen, regnet es noch leicht und tiefe Wolken hängen in den umliegenden Bergen. Regen in der Wüste. So ein Reinfall. Selbst wenn es jetzt aufhört zu regnen, ist es immer noch bitterkalt. Dagegen kann man zwar was Warmes anziehen (oder wie im Fall von Gabi im Laufe des Tages gleich bis zu fünf Schichten übereinander (T-Shirt, Flies, Soft-Shell-Jacke, Flies, Regenjacke)). Doch gegen Wasser in Slot Canyons kann man wenig tun. Und obwohl Tom eine Vielzahl von Wanderungen vorbereitet hat, bleibt nur eine übrig, die nicht in einen Canyon, sondern in die Höhe führt.

Doch wir machen erst mal Frühstück (oh mein Gott vermissen wir Scotts Essen). So gibt es heute Supermarkt-Muffins für Gabi und Chips für Tom. Dazu dünnen Motelkaffee. Hmmmm. Gabi bereitet aber immerhin eine viel versprechende Brotzeit vor: Käse, Pfeffertruthahnschinken, Salami und Tomaten auf Kartoffelbrot. Damit das Ganze rutscht, gibt es noch einen leichten Ranch-Salat-Dressing-Überzug mit Bac’n Bits (diese schmecken wie Speck, sind aber rein vegetarisch – Amis halt).

Danach fahren wir zum Escalante Petrified Forest (Versteinertes Holz) State Park, wo ein Schild deutlich darauf hinweist, dass es hier keinen „Scenic Drive“ gäbe (man also nicht einfach mit dem Auto an den Sehenswürdigkeiten vorbeifahren könne), sondern dass man tatsächlich wirklich wahrhaftig laufen müsse.

Versteinertes Holz hat Tom ja nun schon oft genug gesehen, aber in der Not macht man halt auch so eine Wanderung. Erwartungshaltung: 2 von 10 Punkten. Umso schöner, als die Wanderung sich dann als wirklich schön herausstellt. Gabi: „Ach, das ist doch langweilig geschrieben… lass mich mal ran…“

Als wir auf dem Parkplatz des State Parks einfahren, ist außer uns und ein paar Wohnwagen kein Auto zu sehen. Die Idylle vom Auto aus ist kaum zu überbieten: Im Tal ein großer See mit vielen geschäftigen Enten, darum in Herbstfarben leuchtende Espen. Rundherum eine gewaltige Bergkulisse in allen Braun- und Gelbtönen, es türmen sich weiße Wolken und Nebelschwaden hängen in den Gipfeln. Normalerweise würde uns bei diesem Anblick das Herz aufgehen und wir würden wild drauflos wandern. Doch bei gefühlten -5 Grad Celsius (in Wirklichkeit hat es so 5 Grad +) ist es eher ein „Aufraffen“ und „schaumermal, wir landen eh um 11 Uhr wieder im Motel“. Nach der ersten Fotosession am See ist Gabi schon so durchgefroren, dass sie ihre fünfte Klamottenlage überwirft. Mehr hat sie fast nicht mehr dabei. Und ihr ist immer noch kalt 😉 Muss wohl der Temperatursturz sein, mit dem ihr Körper nicht zurechtkommt….

Doch bereits nach wenigen Metern wird unsere Laune aufgehellt. Keine 15 Meter entfernt treiben sich 3 hübsche Rehe herum und beobachten uns neugierig. Eine Fotoserie von Tom und etwa 50 Höhenmeter später müssen wir sogar zugeben, dass der Weg sehr schön naturbelassen ist UND wir tatsächlich SCHWITZEN (während wir frieren). Als die ersten Stämme versteinerten Holzes am Wegrand auftauchen, muss Tom sein Vorurteil („langweilig“) revidieren: Die versteinerten Hölzer schimmern bunt und in so leuchtenden Farben von dunklem Violett bis hin zu einem leuchtenden Gelb. Die Struktur zeigt Risse mal entlang der Jahresringe, mal sind sogar noch Rinde und/oder Astlöcher erkennbar. Faszinierend! Die Landschaft ist ebenfalls toll, der karge Boden wird von Koniferen und Beerensträuchern bedeckt. Die Pflanzen sind vom Wind verkrümmt und oft stechen sich abgestorbene …
Tom: „Und Du glaubst das will jetzt jemand lesen? Schreib doch mal lieber was von den Unmengen von versteinerten Holz, dass dieses sogar mit als Bodenbefestigung verwendet wird.“
… Baumskelette skurril gegen den weißen Himmel ab.
Tom: „Ich seh schon, für Dich ist noch fast lebendiges Holz interessanter als schon lange totes Holz“.
Gabi: „Ich beschreibe den GESAMTeindruck!“.
Tom: „Der Gesamteindruck ist immer noch: KALT. Ich erinnere nur daran, dass wir unsere Sandwiches nach der Wanderung IM AUTO gegessen haben“.
Gabi: „Aber soweit sind wir doch noch gar nicht. Es fehlt der steile Extra-Abstecher zu noch mehr versteinertem Holz und versteinerten Korallenbänken, die ersten schneebedeckten Berggipfel in der Ferne, die friedliche Stille und das Gefühl mit der Natur ganz alleine zu sein….“

Jedenfalls, nachdem uns der kühle Wind wieder ins Auto getrieben hat, entscheiden wir uns für eine zugfreie Nachmittagsbeschäftigung: Wir fahren mit dem Auto ein bisschen spazieren. Das Grand Staircase-Escalante Bergmassiv ist von einer schroffen Rauheit und dabei so abwechslungsreich, dass wir aus den Ahs und Ohs kaum rauskommen. Das macht durstig. Gut, dass Toms Elefantengedächtnis noch weiß: Hier gibt es Mitten im Nichts ein skurriles Café, in den Berghang als Rundbau eingefügt, mit einmaliger Aussicht. Im Kiva Koffeehouse wärmen wir uns also auf und gönnen wir uns also Cappuccino, heiße Schoki und leckeren Kuchen. Selbst die Sonne hält es da nicht mehr hinter den Wolken und gibt sich wieder die Ehre. So gestärkt und ermutigt, kann es ins nächste Abenteuer gehen: Die Hells Backbone-Schotterpiste, die sich bis auf knapp unter 3.000 Meter aufschwingt und immer wieder tolle Blicke auf die Täler freigibt. Auf einer schmalen Brücke überqueren wir das Rückgrat der Hölle, einen tiefen Canyon umsäumt von spitzen Felsnadeln. Wir steigen bei mittlerweile 0 Grad Celsius und ganz leichtem Schneetreiben für ein paar Bilder aus, doch die Hölle hätten wir uns wärmer vorgestellt! 😉 Auf dem weiteren Weg säumen Nadelwälder die Straße, deren enge Serpentinen Tom Fahrspaß und Gabi des öfteren ein mulmiges Gefühl im Magen bescheren.

Nicht zu glauben dass dies vor Fertigstellung der Schnellstraße der einzige Weg zwischen Escalante und Torrey war. Jetzt sind wir hier alleine unterwegs. Tom hat natürlich auch hier eine Wanderung in einem Canyon ausfindig gemacht. Nachdem wir genau am Trailhead vorbeifahren und die Natur hier so einladend friedlich wirkt, überwinden wir nochmal unseren Schweinehund und steigen in das grüne Tal unter uns ab um den Weg zu suchen. Wir folgen einem munteren Fluss. Die Felswände um uns herum werden immer höher, der Weg wird immer anspruchsvoller. Die Wegbeschreibung sagt, wir müssen den Fluss drei Mal überqueren. Beim ersten Mal hilft uns ein umgefallener Baumstamm. Doch schon bei der zweiten Überquerung scheitern wir. Das Wasser ist zwar nicht sehr tief, aber bei immer noch deutlich einstelligen Lufttemperaturen hat keiner von uns Lust auf nasse Füße. Auch Toms Versuch über Steine ans andere Ufer zu gelangen, scheitert aufgrund glitschiger Oberflächen – er kann sich grad noch so zurück ans Ufer retten. Was für eine Schande. Allein das Intro des Box-Canyons war so viel versprechend, dass wir nur schweren Herzens umkehren. Wir machen uns eine geistige Notiz, dass wir diese Wanderung unbedingt nochmal bei höheren Temperaturen machen müssen.

Zurück im Motel gönnen wir uns eine Auszeit, bevor wir wieder mal in den Schlemmermodus übergehen. Leckerer Salat und eine reichhaltige Pizza lassen die kühlen Grade draußen gleich angenehmer erscheinen. Wir halten unsere Hoffnung hoch – für Morgen ist wieder Sonne pur angesagt.

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