Freitag, 28.10.11: Schöne Umwege

Heute heißt es Abschied nehmen von Escalante. Bei Minusgraden bepacken wir noch vor Sonnenaufgang unser Auto und fahren los. Gerade rechtzeitig, denn hinter uns klappen sie schon die Gehsteige hoch. Viele der Lokale haben schon für den Winter geschlossen und auch in unserem Motel sind wir eine der letzten Gäste. Wieder einmal haben wir in dieser Gegend nicht alles geschafft was für tun wollten – dafür sind die Möglichkeiten hier einfach zu vielfältig. Heute steht eine relativ lange Fahrstrecke ins Chalet-Motel in St. George auf dem Plan. Doch wir bzw. eigentlich Tom haben geplant, daraus eine abwechslungsreiche Angelegenheit zu machen.

Schon vor dem ersten geplanten Stopp erleben wir den traumhaften Sonnenaufgang – doch viel Kraft hat diese noch nicht (oder nicht mehr). Eine
Szene von unterwegs: Es hat 18 Grad Fahrenheit (also so -10 Grad Celsius). Auf einer Weidefläche ist die Bewässerung eingeschaltet und versprüht einen dichten Nebel aus Eis in die Landschaft. Dicke Eiszapfen hängen von den Leitungen.

In den Ausläufern des Bryce-Nationalparks lockt Tom Gabi mit dem Versprechen auf eine schöne moosbewachsene Höhle aus dem wohlig warmen Auto in die schneidende Kälte. Die 30-minütige Rundwanderung heißt Mossy Cave und enttäuscht auf ganzer Linie, was die Höhle anbelangt. Diese mag im Winter mit phantastischen Eissäulen sehenswert sein, heute hat Tom nur einen Eiszapfen gesehen: Gabi! Was den Abstecher allerdings doch genial macht, sind die aus dem Bryce-Canyon wohlbekannten Hoodoos die im frühen Morgenlicht besonders toll leuchten. Gabi: Bei -10 Grad leuchtet besonders meine Nase!“

Deshalb schnell wieder zurück ins Auto, Sitz- und Rückenheizung auf volle Kraft 😉 und weiter geht es. Unser nächstes Ziel ist die Mammoth Cave. Unser Navi schlägt eine ungeteerte Strecke durch die Hügel vor. Wir folgen diesem Ruf gerne, geht es doch in eine Waldlandschaft, die sich idyllisch und einsam vor uns erstreckt. Gabi: „Logisch, jeder vernünftige Mensch liegt bei der Kälte auch noch im Bett“. Viele Stellen im Wald sind schon mit einer leichten Schneedecke überzogen, doch nach dem Aussteigen merkt man die Kraft der Sonne schon noch angenehm auf dem Rücken und der Boden duftet toll nach Herbstlaub. Leider sind die fünf Fledermausarten, die in der Höhle überwintern, schlauer gewesen als wir und haben sich schon für den Winterschlaf zurückgezogen. Das heißt, die Höhle ist nicht mehr zugänglich. Doch frei nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel, sind wir nicht mal traurig, wir hatten auch so unsere Freude an der Waldlandschaft.

Weiter geht es durch hügeliges, bewaldetes Bergland, stetig bergan. Dabei passiert es: Anstatt Orte auf Toms Wunschliste abhaken zu können, müssen wir noch einen neuen Ort drauf setzen: Duck Valley, ein verzaubertes Waldgebiet mit See, das mit einer Mischung aus Espen-/Nadelbäumen im Herbst bestimmt unglaublich schön ist. Leider haben die Espen aufgrund der Kälte ihr Blätterkleid schon abgeworfen. Da hilft nur: vormerken…

Auch unser nächstes Ziel ist schon für den Winter geschlossen: Die auf über 3.100 Meter gelegenen Cedar Breaks National Monument. Ein in einem Halbkreis an einer steil abfallenden Klippe angesiedeltes Klein-Bryce. Fährt man auf der Straße keine 20 Meter vorbei, hat man noch keine Ahnung dass ums Eck eine puppenstubenhafte Ansammlung von braun-rot-gelb-weißen Steinhoodoos und Zacken, verborgen liegt. Wir sind die allereinstigsten 😉 Touris, die sich mit abgefrorenen Ohren an dem Schauspiel der Natur erfreuen. Nachdem auch hier der Haken dran gesetzt werden kann, wollen wir wieder ins Tal, wo es hoffentlich etwas wärmer ist. Der direkte Weg ist durch eine Schlammlawine versperrt, also fahren wir bei dem Umweg an einem hässlichen Retourten-Skigebiet vorbei, wo die Vorbereitungen für die Saison in vollem Gange ist. Unglaublich, wie nahe Sommer- und Winterurlaub zusammenfallen können…

Schließlich steuern wir unser letztes Wanderziel des Urlaubs an. Ein Canyon versteckt in einem kleinen Kaff namens Kanaraville. Wir wissen nur durch eine Webseite mit vielen Slot Canyons von diesem. Doch einen Versuch ist es wert. Pluspunkte gibt schon mal, dass unser Auto das einzige ist auf dem Parkplatz. Auch die Temperaturen sind auf passable 14 Grad Celsius gestiegen, so dass wir die Wanderung in den Canyon hinein angehen. Wir nehmen mal vorsichtshalber die Wasserschuhe mit, denn Gabi hat in der Beschreibung irgendwas von Wasserpassagen gelesen. Doch irgendwie hat die Beschreibung VERSCHWIEGEN, dass wir schon nach wenigen hundert Metern zum ersten Mal den eiskalten Fluss durchwaten müssen – und dies ab diesen Zeitpunk regelmäßig gefordert ist. Diesmal zögert Tom, doch Gabi ist sofort dabei in Neoprensocken und Wasserschuhe zu schlüpfen. Solange wir in der Sonne laufen, ist das auch gar nicht so übel, doch der Canyon wird enger und der Weg schwieriger, aus der breiten Schotterstraße sind dünne Trampelpfade geworden, die sich entlang des Flusses an den Ufern schlängeln und gelegentlich einfach aufhören, um einen Seitenwechsel durch den kalten Fluss zu erzwingen. Der Weg ist einsam, wildromantisch und erfrischend untouristisch. Laubbäume mit den letzten Blättern, Koniferen, die letzten standhaften Herbstblumen, alles entlang des munter vor sich hin sprudelnden klaren Flusses wachsend und umrahmt von eindrucksvollen braunen Gebirgsketten. Zudem sind hier grundsätzlich nur ernsthafte Naturliebhaber unterwegs, das „LassunsmaleinenSonntagsspaziergangmachen“-Publikum hat spätestens die erste Flussquerung ausgefiltert.

Statt dessen stehen hier klettern, an Wurzeln festhalten und Sandabhänge runterhatschen auf dem Programm. Das macht so richtig Spaß! Doch je tiefer wir in den Canyon kommen umso kühler wird es. Wir durchqueren mehrere Stellen, wo sich frischer Schnee gegen das Schmelzen erfolgreich wehrt. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, wo unsere Zehen langsam taub werden. Das ist, ob der geforderten Genauigkeit beim Füße setzen in diesem relativ anspruchsvollen Terrain keine so gute Kombination. So entschließen wir uns schweren Herzens, umzudrehen. Doch diesmal besteht Gabi darauf, diesen Canyon auf die Liste „Wanderungen, die wir machen wollen“ zu setzen.

Die Sehnsüchte werden nicht kleiner, als wir nochmals (sozusagen von hinten) in den Zion N.P. einfallen und die Kolob Canyon Road, eine atemberaubend schöne kurvige Bergroute mit genialen Blicken auf das Hinterland von Zion, entlang düsen (Gabi ist wieder am Steuer 😉 ). Wir können uns kaum losreißen von Sonne, Bergszenerie und Blue Birds. So viele einsame Berggipfel die wir hätten noch besteigen können… So bleiben halt uns Beiden wieder mal Wünsche offen… OK, nach diesem wirklich genialen Urlaub ist das Jammern auf ziemlich hohem Niveau 😉

Der Rest des Tages ist schnell erzählt: Verboten gutes authentisch-mexikanisches Essen in St. George (im Café Rio) und Zittern um das Hotelzimmer. Wie, Ihr fragt warum man um sein Zimmer zittern muss? Wie es der Zufall will, sind an diesem Wochenende ein Baseball-Turnier und ein Musikfestival hier und ALLE Hotels im Ort sind ausgebucht. Das hat auch der Vorbewohner unseres Zimmers mitgekriegt und – ist einfach nicht ausgezogen, sondern hat Schlüssel mitgenommen und all seine Sachen im Zimmer gelassen. Er hat wohl gemeint, so Tatsachen zu schaffen. Doch die Motelmanagerin steht zu unserer Vorab-Onlinereservierung (die wir offenbar zu einem viel zu geringen Preis bekommen haben – „Ich weiß gar nicht, wie man so einen geringen Preis ins Internet stellen kann…“) und ordnet den Zimmermädels an, seine Sachen in große Mülltüten zu packen… Uns schickt sie in der Zwischenzeit noch zum Essen (s. o.) und als wir zurück kommen, kriegt der Missetäter grad seine Sachen ausgehändigt. Wir verkrümeln uns schnell in unser Zimmer… 😉

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