28.04.2012: Rebuilding together

Stellt Euch mal vor, was eine helfende Hand alles bewirken kann im Leben einer Familie. Dies ist die Geschichte von 100 helfenden Händen. Eine Geschichte die hoffentlich das Leben der Familie Jones etwas leichter werden lässt. Eine alleinerziehende Mutter mit drei außergewöhnlichen Kindern, die alle mindestens ein Jahr in der Schule übersprungen haben – und doch leben sie in einem armen Viertel von Süd-Chicago in einem heruntergekommenen Haus. Das Dach ist undicht, die Wasserleitungen funktionieren nicht richtig und die Stromleitungen sind auch so fadenscheinig, dass sie eine drohende Brandgefahr darstellen. Vom Aussehen der Wände und Decken mal ganz zu schweigen. Die Gegend ist nicht richtig schlecht, wird sogar als „eher aufstrebend“ bezeichnet, doch wenn man durch die Gegend fährt muss man schon mehr wie einmal schlucken, wenn man sieht wieviele Häuser vernagelt sind und wie heruntergekommen vieles wirkt.

Auf der anderen Seite gibt es eine Vereinigung, die den „Rebuilding together-Day“ („Gemeinsam wiederaufbauen-Tag“ )organisiert. Dabei geht es um soziale Verantwortung: Die Organisation wählt förderwürdige Familien aus und Firmen beteiligen sich mit einem Budget und mobilisieren die fleißigen Helfer. Also Mitarbeiter, die einen Samstag opfern, an diesem anrücken und zum Handwerker, Gärtner oder Maler mutieren um einer Familie dabei zu helfen, ihr Haus zu renovieren.

Das ist der Normalfall. Nicht so mit John L., einem unserer gestandenen Projektleiter, der als Hauptkoordinator für eines der drei Häuser, die unsere Firma als Pate übernommen hat, Übermenschliches leistet. Ein generalstabsmäßiger Plan und die Mitarbeit vieler Kollegen haben im Haus der Jones Wunder bewirkt. Schon Wochen vorher ist John im Haus der Jones unterwegs, nimmt Schwachstellen auf, plant Änderungen und verwaltet ein relativ knappes Budget, dass auch von unserer Firma gestellt wird. Als wir am „großen Tag“ dazu stoßen und wir uns bei der Abfahrt des Busses um 7 Uhr früh noch die Augen reiben ist er schon im Haus unterwegs. Wir – Gabi hat sich natürlich auch sofort bereit erklärt mitzumachen – kriegen eine fast 90 minütige Fahrt in einem gelben Schulbusmonster und stellen dort die größte bis jetzt gezählte Anzahl an helfenden Händen.

Schon 2 Wochen vorher wurde das Dach des Hauses (aufgrund seiner Steilheit von Fachleuten) neu gedeckt, alle Stromleitungen herausgerissen und neue eingezogen, das komplette Wasserleitungssystem ersetzt und die Wände wieder verschlossen (alles von freiwilligen Helfern). Heute stehen Streichen, Vordach montieren, Bad installieren und mehr auf dem Plan. Das Haus bekommt von vielen fleißigen Händen neue Farben an Wände und Decken, eine neue Eingangstür, neue Fenster, eine neue Hintertür. Gabi ist am Anfang dabei, den Schrott aus dem Keller auszuräumen, danach einen Garten anzulegen und schließlich schwingt sie den Malerpinsel. Tom – der Arsch – muss natürlich vorher bei der Anmeldung „handwerklich begabt“ reinschreiben. Er hat sich sogar noch am Abend vorher eine von den Werkzeuggürteln gekauft, um wie ein Ami (mit einem Hammer anstelle eines Revolvers) durch die Gegend zu laufen. Gabi: „Du hast toll ausgesehen mit deinem Werkzeuggürtel – das macht dich sexy“ (OK, also wir probieren den Gürtel mal irgendwann ohne Arbeitshose :-)). Kaum hat er sich versehen heißt seine Aufgaben (zusammen mit dem liebenswerten Tom H.) das Dach des „Wintergartens“ (eher ein weiterer Raum hinter dem Haus), das völlig undicht ist, neu zu decken. Wir stehen also mit Spaten die 5 Lagen kaputter alter Schindeln entfernend auf dem nicht wirklich stabilen Dach – das zum Glück nur eine leichte Schräge aufweist. Das Dach ist übersät mit Glassplittern und Abfall, doch wir arbeiten uns bis auf den Grund vor. Das Problem freigelegt (und nachdem Tom H. einmal mit dem Fuß durch das Dach gerauscht ist), verstärken wir von innen das Dach mit neuen Balken. Wir ersetzen auch einige Balken am Rand, die so aufgelöst sind, dass man mit dem Schraubenzieher ohne Kraft durch das Holz stoßen kann. Dann wird das Dach ganz professionell (gut, dass Tom H. weiß wie man das macht) neu mit Schindeln gedeckt. Tom ist stolz auf sich und die zerrissene Hose, und Blasen an der Hand sind Abzeichen des Erfolgs. Doch nachdem wir mit dem Bus auch wieder zurückgefahren werden wissen wir, was wir getan haben: Körperliche Arbeit. Das sind wir einfach nicht gewöhnt. Uns tut ganz schön viel weh 🙂

Ach so, bei der Abschlussbesprechung aller 70 Hauskoordinatoren erhält das Jones Haus stehende Ovationen und wir haben es geschafft die Latte des in diesem Hilfsprogramm Möglichen wieder ein Stückchen höher zu legen. Wir sind auch deshalb stolz auf uns alle.

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Eine Antwort zu 28.04.2012: Rebuilding together

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