10.06.2012: Chicago Caring Hands

Wie neulich schon mit einer lieben Freundin diskutiert, sind nicht alle Amerikaner nur auf sich selbst bedacht. Es gehört hier zur Kultur, gemeinnützig aktiv zu sein. Cookie verkaufen der Pfadfinder, Kuchen backen für Schulevents, Organisation von Schulsportveranstaltungen – all das füllt die Abende und Wochenenden unserer Bekannten. Auch sportliche Wettkämpfe stehen oft im Zeichen eines guten Zwecks: Einer von Toms Kollegen läuft Marathon für ein Kinderkrankenhaus, ein anderer fährt 150 Meilen Rad für eine MS-Organisation; Es ist selbstverständlich, dass sie das in der Arbeit kundtun und der ein oder andere dann teilnehmerbezogen spendet. Der Marathonläufer z. B. hat so bereits 7.000 Dollar gesammelt (und der Wettkampf ist erst im Oktober).

Auch ganze Firmen beteiligen sich an solchen gemeinnützigen Veranstaltungen. Einen Vorgeschmack hatten wir ja schon mit dem „Rebuilding Together“. Diesmal ist Toms Firma sogar Hauptsponsor. Und stellt 340 der knapp 5.000 freiwilligen Helfer. Und so stehen auch wir um 6.15 Uhr verschlafen vor dem quälend engen und unbequemen Schulbussen, reichen Dunkin Donut Kaffee und EggMcMuffins herum. Unser Ziel: Eine Schule in einem Problemviertel mit jeder Menge Farbe aufhübschen. Doch bis wir endlich einmal den Pinsel schwingen können, werden noch 4 STUNDEN vergehen.

Doch der Reihe nach. Dieser Samstag trägt das Motto „Chicago caring hands“. Von der Stadt Chicago veranstaltet, unterstützt von vielen zahlungswilligen Firmen, ist das Ziel heute, 24 Schulen in den ärmeren Vierteln von Chicago auf Vordermann zu bringen. Streichen von Klassenräumen, das Anbringen von Gemälden und das Gestalten von Außenanlagen steht auf dem Programm. So werden alle noch schlaftrunken auf einen großen Platz mitten in Chicago gekarrt, wo sie nach einer Registrierung ein Lunch- und Merchandisepaket in die Hand gedrückt bekommen, sich Snacks und Wasser abholen können und dann ein paar Reden über sich ergehen lassen müssen.

Danach werden wir alle in einen Schwadron weiterer Schulbusse verpackt. Für alle, die sich schon mal aufraffen konnten uns zu besuchen: Der komplette Wacker Drive entlang des Chicago Rivers war gelb vor lauter wartenden Schulbussen. Eine halbe Stunde später sitzen wir in der Aula einer Grund- und Mittelschule im Süden von Chicago. Wieder Reden der Veranstalter sowie der bübchenhaft wirkenden zwei Rektoren. Scheinbar wird man hier als Rektor nicht alt. Die Schule hat einen Schwerpunkt in Kunst und Literatur gesetzt und wir sehen überall beeindruckende Zeugnisse davon, dass der deutsche Kunstunterricht selbst von einer amerikanischen Brennpunktschule noch viel lernen kann. Uns kribbelt es in den Fingern, wir wollen endlich anfangen, sind wir doch als Team von ca. 30 Personen für 2 100 Meter lange Gänge eingeteilt. Andere Teams streichen Klassenräume oder dekorieren den Außenbereich.

Doch ein junges Bürschlein, der noch nie einen Pinsel in der Hand hatte aber als Koordinator der Truppe eingeteilt wurde, muss erst noch sein gerade selbst gelerntes Wissen loswerden, wie man abklebt und den Boden mit Plastikplanen abdeckt. Danke! Am Anfang etwas holprig, aber nachdem wir unseren Organisator dann ziemlich ignorieren, geht es auch schon um 10.30 Uhr los 😉 So kleben wir ab, streichen die Wände, streichen da nach wo nicht ganz so begnadete Maler am Werk waren und schaffen es bis 14.45h, unser Tageswerk zu vollbringen und sogar noch aufzuräumen. Kollegen, Ehefrauen, ganze Familien, Toms Chefchef und wie sich später herausstellt auch sein brandneuer Chefchefchef packen feste mit an. Tom macht sogar die Mittagspause durch, so in Fahrt ist er!

Um 15h geht schon der Bus zurück in die Stadtmitte, wo der Platz zur anschließenden Feier mit Essen und Livemusik umgestaltet wurde. Auf dem Weg dorthin fährt der Schulbus durch ein tiefes Schlagloch und Tom, der völlig verkrümmt auf den viel zu engen Bussitzen sitzt, fährt ein stechender Schmerz durch die Wirbelsäule. Beide Arme werden kurzfristig taub. Na prima, was für ein toller Abschluss – einmal wenn er sich so nicht verletzt hat… 😉 So hat er keine Lust auf das kostenlose Essen in der brütend heißen Nachmittagshitze und nehmen das Angebot von Steve gerne an, uns in seinem Privat-PKW wieder mit zurück zu nehmen. Trotz aller „abers“: Eine sehr interessante Erfahrung!

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