Dienstag, 24.07.2012: One Glacier, Two Glacier, Many Glaciers

Nach derlei Albträumen besorgen wir uns noch schnell im Café unser Morgendope (Tee und Milchkaffee), bevor wir sofort los düsen. Jetzt wissen wir ja, dass die Bootstouren hier seltsame Abfahrtszeiten haben und daher frühstücken wir im Auto UND nähern uns gleichzeitig Many Glacier, der zweiten Region des Nationalparks, die wir erkunden wollen. Im Laufschritt geht es zur Fähre, die wir tatsächlich gerade noch so erreichen. Ein kleines Vermögen leichter sitzen wir auch schon im Boot. Vermögen deswegen, da wir nicht nur über den Swift Current Lake, sondern auch über den Lake Josephine müssen. Also sozusagen das Anschlussboot, das wir über einen kurzen Waldspaziergang erreichen. Hier treffen wir das erste Mal auf einen Trauerwald, der sich durch gespenstisch weiße Skelette von abgestorbenen Bäumen auszeichnet, überzogen von Moosen und Flechten. Sehr gruselig….

Der Bootsführer bzw. die Ranger, die mitfahren, geben uns wie schon gestern interessante Infos über Landschaft, Geologie und Tierwelt. So sind die Bootsfahrten kurzweilig und wir werden schnell abgesetzt. Auch heute ist Ziel 1 ein See, diesmal aber ein Gletschersee. Der Unterschied (wie wir seit gestern wissen ;-)): Nur Gletscherseen haben diese typisch türkis-blaue Farbe, da durch die Bewegung des Gletschers Kleinstpartikel entstehen, die, vermischt mit dem klaren Gebirgswasser und der Sonneneinstrahlung dieses außergewöhnliche Naturschauspiel ergeben. Außergewöhnlich und aussterbend: Es wird geschätzt, dass alle echten Gletscher im Glacier NP bis 2030 verschwunden, sprich abgeschmolzen sind bzw. sich nicht mehr bewegen, dann also nur noch Schneefelder sind…

Da wir hier sehr früh unterwegs sind, müssen wir laut Ratschlag aller Reiseführer und der Ranger ständig ein wenig Lärm machen, um die Bären zu verscheuchen….. Also reden wir laut, Gabi schreit immer mal wieder unverhofft “Bär, Bär, Bär” oder Alex vertreibt die Bären mit seinem lieblichen Gesang. Die Wanderung selbst ist größtenteils in einem Tal im dichteren Bergwald. Über Holzstege und einer wackeligen Hängebrücke (“One Hiker at a time”) geht es vorbei an einem Wasserfall zum Grinell-Gletschersee. Da eine Ranger-Führung alle anderen Touristen weg gelockt hat, haben wir den See ganz für uns alleine. Am Rückweg sehen wir uns den Hidden Fall an, einen wunderschön malerisch versteckten Wasserfall. Nachdem die nächst mögliche Rückfahrt erst kurz vor 12 Uhr geht, wandern wir noch ein Stück den Berg hoch, Richtung Grinell-Gletscher (der Gletscher selbst ist gesperrt). Wir genießen nochmal einen tollen Blick auf den leuchtenden Grinell-Gletschersee und bewundern das Schiefergestein der Berge um uns herum.

Erst mit den Booten, dann mit dem Auto geht es zurück nach St. Mary. Hier stoppen wir noch kurz bei einem Café und kaufen Tom einen halben Beerenkuchen, damit der auch mal was zwischen die Zähne bekommt. Schnell geht es aber weiter, wir wollen heute die Going-To-The-Sun-Road fahren, die uns von Ost nach West über das Gebirge führen wird. Hier noch ein Auszug aus dem unerschöpflichen Wissen des Johnson Seniors zu diesem Thema: “It is about 55 miles across Going To The Sun Highway. The Canadian border is about 20 miles away. Calgary is 180 miles north and Great Falls is South 160 miles. We don’t know how far it is to New York or San Francisco, go to the bottom of the hill and turn left, ask when you get closer.” (“ Es geht 55 Meilen entlang des Going-To-The-Sun-Bergpasses. Die kanadische Grenze ist ca. 20 Meilen entfernt. Calgary liegt 180 Meilen nördlich und Great Falls ist 160 Meilen südlich. Wir wissen nicht wie weit es nach New York oder San Francisco ist, fahr einfach zum Fuße dieses Hügels und dann links. Frage noch mal wenn Du näher dran bist”). Unsere Route zählt zum Höhepunkt des Glacier N.P.-Besuches. Es ist ein schmales Sträßchen, dass sich in bester Hochalpenmanier bis zum Logan Pass hinauf schlängelt und von dort wieder in den Westteil des Parks abfällt. Auf dem Weg gibt es alle paar Meter für uns etwas zu sehen. Manchmal mit ein paar Schritten verbunden, manchmal reicht auch schon aus dem Fenster zu sehen: Seen, Insels, Wasserfälle, Schluchten und Hochtäler. Immer wieder gehen auch längere Wanderungen ab, die wir allerdings heute alle auslassen müssen, drängt doch die Zeit. Leider hat sich auch eine Schlechtwetterfront heute in die uns umgebende Berge verirrt, was zwar keinen Regen aber doch dunkelste Wolken bedeutet. So können wir an manchen Stellen die lichtdurchfluteten Gipfel der schroffen Berge um uns herum nur mit viel Phantasie erahnen. Kaum haben wir den Logan Pass hinter uns gelassen, als das Auftauchen einer weißen Bergziege an einer schmalen Stelle der Straße (naja, eigentlich sind ab hier alle Stellen schmal) auch schon einen kleinen Stau verursacht. Schon springt vor uns eine Rangerin aus ihrem Truck und (hier gehen die Meinungen der Zeugen auseinander) verscheucht die Ziege/wirft die Ziege den Berg hinunter. Jedenfalls rollt der Verkehr danach wieder besser – wenn man einmal von den Autofahrer vor uns absieht, der so langsam kriecht, dass schnell klar wird, dass er gerade seine Windeln voll hat. Wir haben schon vor einigen Tagen am Beartooth Highway von einer anderen Reisegruppe gehört, dass eine Schlammlawine die Going-to-the-Sun Road vor ca. 2 Wochen für mehrere Tage komplett blockiert hat. Jetzt ist dies – neben einer großen Baustelle – der Grund, warum ein Teil der Strecke nur einspurig ist und wir so fast eine dreiviertel Stunde warten müssen, bis wir an der Reihe sind zu fahren. Wir vertreiben uns erst die Zeit mit dem Genuss der atemberaubenden Panaromas um dann noch eine Runde Tichu im Auto zu spielen.

Wir haben heute ein Bed & Breakfast gebucht, bei dem wir lange davon ausgingen, dass es sich im westlichen Teil des Parks befindet. Wie wir jedoch irgendwann feststellen mussten, ist es ein gutes Stück außerhalb des Parks gelegen, damit aber auch abseits von jedem Touristentrubel. Und was sind in USA schon 20 Minuten Fahrzeit?

Das Moss Mountain Inn kündigt sich lediglich durch ein winziges Schild an, an dem man durch ein kleines Wäldchen zum Haus fährt. Um die Kurve herum fahren wir an einem kleinen Nutzgarten vorbei auf ein honig-farbenes Holzhaus mit türkisem Tonnendach zu. Als wir aussteigen werden wir gleich freundlich von Hunter und Debi, den Besitzern des Inns, in Empfang genommen. Nach einer ersten Hausführung müssen wir uns entscheiden, wer welche der Suiten für die nächsten drei Übernachtungen bezieht. Zuerst aber zum Haus: Im Erdgeschoss finden wir einen riesigen Wintergarten vor, der mit Sitzmöglichkeiten, Kühlschrank und Sportgeräten aufwartet. Im ersten Stock ist ein Mini-Raum, der Vogelbeobachtungsraum, aus dem wir Eichhörnchen, aber vor allem jede Menge Kolibris und später auch einen ganz blau schimmernden Vogel, den Mointain Blue Bird, beobachten können. Während Debi und Hunter die Saison über in ihrem Wohnwagen gleich neben dem Garten übernachten, haben wir eine Schlafzimmer-Bad-Kombination im ersten und im 2. Stock. Neben uns gibt es noch zwei weitere Gäste-Paare, die im Erdgeschoss und 2. Stock untergebracht sind. Nachdem es sich Gabi und Tom im 2. Stock bequem machen, beziehen Sandra und Alex im ersten Stock ihr Quartier. Alles ist sehr sauber und wohnlich eingerichtet, so dass wir uns auf die 3 Tage im Moss Inn freuen. Dann meldet sich aber der Magen und mit ein paar Tipps von Hunter im Gepäck starten wir in die nahe gelegene Stadt Columbia Falls. Nach einem kurzen Ausloten der Möglichkeiten entscheiden wir uns für einen Asiaten, Tien’s Place. Bei den Getränken schlägt dann die Amerikanische Rechtsprechung zu: Alex bekommt ohne Ausweis kein Bier und Sandra keinen Wein. Allerdings ist Sandra im Vorteil, da sie ihren Führerschein noch schnell aus dem Auto holen kann. Die Speisen stillen unseren Hunger, werden aber nicht als Gourmet-Essen eingestuft. Wir beschließen den Abend mit einem Blick auf die Frühstückstafel, die uns einen Vorgeschmack auf das morgen anstehende familiäre Bio-Frühstück gibt.

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