Wenn der Lehrling bereit ist, wird der Meister erscheinen

Ich möchte voraus schicken, dass dieser Artikel anders ist wie die meisten anderen, die ich/wir sonst so schreiben. Er ist nicht geboren aus (auch wenn es vielleicht anklingen mag) einem Frustgefühl oder Ärger heraus, eher aus etwas Stolz über meine Frau und mich so was festzustellen und zu lösen.

Letztes Jahr hatten uns Sandra und Alex sowie später im Jahr Robert besucht und wir dachten, dass die Koordinierung von Flügen („wir treffen uns dann in Salt Lake City/Boston und fliegen gemeinsam nach Chicago weiter“) schon koordinationstechnisch die höhere Kunst war. Dieses Jahr kommen erst die Rückls und dann Anne (meine Nichte und Gabis 14 jähriges Patenkind). Wir fliegen mit Anne gemeinsam nach Seattle und sie dann alleine wieder von dort aus nach Deutschland – dies zu buchen war fast schon ein Klacks!

Wie Uwe so schön sagt: „When the adept is ready the master will appear“ (Wenn der Lehrling bereit ist, wird der Meister erscheinen).

Aber erst mal muss ich etwas abschweifen. Gabi und ich sind beim Urlaubsplanen ein eingespieltes Team. Jetzt werden manche von Euch verstehen was ich meine, wenn sie weiter lesen, andere werden nur den Kopf schütteln („so was würde ich nie machen“). Um für meine Position etwas zu werben, will ich kurz die Geschichte von einem jüngeren Tom anreißen, der zusammen mit Michl 4 Wochen von San Francisco nach Seattle und im Landesinneren zurückgefahren ist. Damals hatten wir die Flüge gebucht, einen Mietwagen und das war es dann schon. Übernachtungen finden wir vor Ort, am Abend kann man ja mal im Reiseführer schmökern was wir am nächsten Tag machen wollen… Man könnte ganze Abende am Lagerfeuer füllen mit all den Geschichten über die Dinge, die wir verpasst haben, nicht gesehen haben und erst Jahre später wurde mir klar wie wenig wir wirklich damals gesehen haben – zumindest relativ zu der zurückgelegten Fahrstrecke. Ich erinnere mich noch, dass wir eine Woche vor unserem Rückflug schon wieder in der San Francisco-Gegend waren und noch ein paar Tage im Yosemite dran gehängt haben, weil wir zumindest wussten was wir da noch machen könnten.

So ist bei mir eine Obsession entstanden: Ich will jede Minute meines Urlaubs mit Erleben, Entspannen und Genießen verbringen. Dazu packe ich alle nur erdenkliche Vorbereitung in die Planungsphase. Mein Motto: „Alles ist geplant, vor Ort bin ich dann bereit alles über den Haufen zu werfen wenn wir was interessanteres finden“. Das beginnt bei den Übernachtungen. Um Uwe nochmal zu zitieren: „Aus dem Motel-Alter bin ich draußen“ ist eine tolle, geschichtsträchtige, ruhige oder einfach nur interessante Unterkunft ein wesentlicher Teil des Urlaubs geworden. Auch werden vorher Reiseführer gewälzt und interessante Dinge vorgemerkt. Eine typische Reaktion ist jetzt vermutlich von vielen: „Naja, aber ihr werdet ja nicht so ähh. sein, dass ihr Euren Tag durch plant?“. Wahr und falsch. Wenn wir an einem Ort mehrere Tage übernachten und z.B. an einem solchen Tag einen Nationalpark erkunden wollen, habe ich lediglich eine Liste an Möglichkeiten (meist schon vorher bewertet) parat. Wenn es sich aber um einen Tag handelt, wo wir am Abend an einem anderen Ort übernachten wie am Tag zuvor, ist der Tag in Mappoint durchgeplant. Abfahrt, Fahrzeit, Zeit für die verschiedenen Stopps auf dem Weg. Ihr denkt etz vielleicht: „Das ist ja verrückt“.

Ich denke das nicht. Und ich konnte die meisten davon überzeugen, die mit mir unterwegs waren: Wenn man sich nicht davon treiben lässt, sondern die Planung als Indikator verwendet, ob man noch mal über die nächsten Stopps nachdenken sollte, erlaubt es einem zu priorisieren. So nimmt nicht der „OK“-Stopp alle Zeit weg, die man viel lieber im nächsten oder übernächsten „Megagenialen-mustsee-Wow“-Stopp verbringen möchte. Wir machen halt keine „10 Tage Strand“-Urlaub, sondern unsere Urlaube sind ein Multi-dimensionales-Planungspuzzle.
Und jetzt sind wir wieder beim Thema des Artikels. Ich übernehme normalerweise die Grobplanung. Stöbere im Internet, auf Karten, filze Reiseführer, Wanderführer, rede mit Kollegen und Freunden, schaue mir Fotos deren Urlaube an, bis ich irgendwann ein grobes Verständnis einer Gegend bekomme. War ich schon mal dort gehe ich noch mehr ins Detail, suche nach coolen Aussichtspunkten, Slot Canyons, plane die Dinge, die einen Urlaub in eine andere Liga heben als die „einfach mal hinfahren“-Urlaube. Gabi übernimmt dann die Unterkunftsplanung. Mit meinen zu diesem Zeitpunkt noch ungenauen Vorgaben ist das ein Monsterjob. Etwas zu finden, das ihr und mir gefällt (und ggf. auch noch denen die uns begleiten) ist nicht einfach.
Und dann buchen wir meist noch schnell einen Mietwagen dazu. Früher hat das eine Bekannte, die Constanze, übernommen, die das Ganze so einfach hat aussehen lassen. Hier sind wir auf uns gestellt und ich will am aktuellen Beispiel mal aufzeigen wie schwierig das ist: Wir haben uns für eine Unterkunft in Seattle Downtown entschieden (unsere ersten beiden Nächte). Normalerweise hätten wir einfach einen Mietwagen ab dem ersten Tag gebucht, doch ich wusste schon, dass parken in Seattle teuer ist und in unserem Hotel würden wir 40$ pro Tag Parkgebühren zahlen. So kam die Idee auf, dass wir den Mietwagen erst am dritten Tag mieten und irgendwie zum Hotel kommen. Bei diesem angerufen erfahren wir, dass man dort ein kostenpflichtiges Shuttle vorbestellen kann. Gabi hat auch eine Autovermietung nur 2 Blöcke vom Hotel entfernt gefunden. Was machen wir also?

Erster Versuch (zur Einfachheit haben ich mal alle drei Möglichkeiten für denselben Zeitraum raus kopiert, den Rest der Rechnung mache ich dann für Euch von Hand):

Wir mieten das Auto am Flughafen in Seattle und geben es dort zurück
Rental Car 1

Die Kosten sind also für einen Mittelklassewagen 1135 Dollar zzgl. 2 x $40 Parkgebühren in Seattle. Dafür kein Shuttle und Flexibilität auch in Seattle das Auto zu verwenden (das dort wohl eher stört wie nutzt). Für 9 Tage ist das ein Schweinegeld (genauer gesagt müssten wir den Mietwagen ja auch noch 2 Tage mehr buchen wie hier gezeigt, also nochmal $248  mehr). Und das obwohl wir beim Autovermieter Mitglied im kostenlosen Loyality-Programm geworden sind, was uns extra 10% spart. Und wir sparen ja auch noch weitere $120.58, steht ja klar da. Also zuschlagen für insgesamt $1463?

Alternative 2: Wir nehmen ein Shuttle zum Hotel und buchen das Auto erst zwei Tage später ab Seattle Innenstadt und geben es am Flughafen zurück

Rental Car 2

Schaut Euch mal den Preis-Unterschied an, wenn man nicht vom Flughafen weg mietet! Das ist fast die Hälfte! Statt $433 pro Woche sind es nur noch $244, statt $62 pro Extratag sind es nur noch $14.50. Und damit skalieren auch alle Zusatzkosten wie Versicherung, Mondgebühr und die Ichzockdichabgebühr. Die Rechnung sieht jetzt also inkl Shuttle einen Endbetrag von ca. $650 vor. Wir sparen in diesem Preis immer noch die 10% aufgrund der kostenlosen Mitgliedschaft, aber nichts sonst (zumindest nichts laut Auflistung auf der Webseite – „Sie sparen“ ist also wirklich reine Augenwischerei in der ersten Auflistung).

Alternative 3: Nachdem wir Blut geleckt haben gibt es ja noch diesen Mittelklasse 4-Rad-Offroader, der nochmal $10 pro Woche weniger kostet…

Rental Car 3

Yuhuu, noch mehr sparen! Nehmen wir doch den SUV, den fahr ich eh viel lieber! Und er ist noch gü… ähhh Moment mal. Was ist denn da jetzt los? Wie kann denn der klar günstigere SUV am Ende mehr kosten? Da steht doch klar, dass die Woche Vermietung statt $244 nur $234 kostet? Schaut Euch mal die Halunken an: Die Extratage kosten $93 statt $14.50 bei der Mittelklasselimousine. Gesamtkosten also wirklich inkl Shuttle: $720

Ich will nicht über den Mietwagenvermieter lästern, sondern will damit zeigen, wie man verflixt aufpassen muss, um kein Geld unnötig auf der Straße liegen zu lassen (ich hoffe der Wortwitz kam an :-)). Gerade in USA entpuppen sich „Schnäppchen“ häufig als „Zuschnappfallen“. Nicht immer, aber das ist das wohl drastischste Beispiel seit langem.

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