20.04.2013: Schon wieder eine Wüste, diesmal die Verantwortungswüste USA

Mehrere Ereignisse in Folge, die mir wieder einmal zeigen, was „How may I help you“ und „is there anything else I can help you with“ wert sind. In Deutschland findet man oft schon keinen der einem weiterhelfen möchte und man muss oft aktiv auf Leute in Läden zugehen. In USA ist das anders, da wird man gleich umringt von hilfsbereiten Angestellten. Wo ist also das Problem? Drei Beispiele aus den letzten 2 Wochen sollen das zeigen.

Episode 1: Als Chef bin ich hier doch nicht verantwortlich zu machen…

Wir stehen am Samstag Morgen um kurz nach 7 auf, machen uns fertig und fahren die 35 Minuten Autofahrt nach Elk Grove zum Badminton spielen. Das wird dort von Anfang April bis November von einem Gemeindezentrum angeboten und beworben. Normalerweise gibt es dort 6 Felder (früher 9, bevor seit diesem Jahr eine Baby-Sportgruppe ein Drittel der Halle belegt) wo man nette Spieler trifft und das Niveau OK ist. Doch nicht diese Woche, da hat das Gemeindezentrum alle Courts für ein Turnier vermietet, es aber nicht für notwendig befunden irgendjemandem Bescheid zu sagen. Man hätte ja einen Zettel in der Woche davor hinhängen oder es auf die Homepage setzen können, oder der Typ, der die Woche davor den Beitrag kassierte hätte etwas sagen können. Ich stapfe also zur Rezeption und frage nach der Managerin. Die kommt und erklärt mir, sie hätte auch keine Ahnung gehabt und es sei auch überhaupt nicht ihr Problem – „Ich bin hier nur am Wochenende Manager“. Als ich sage, dass ich das nicht gut finde (meine Worte waren wohl etwas drastischer) drückt sie mir eine Visitenkarte in die Hand – ich könne ja den „echten“ Manager anrufen und mich bei ihm beschweren. Aber mit ihm verbinden könne sie mich nicht – der hätte am WE was anderes zu tun. Ich meine: Sie als Managerin des Ladens würde ihren Job nicht machen, wenn sie es nicht schafft die Leute vorher zu informieren und diesmal gäbe es keinen Sturm oder Stromausfall, der ihr als guten Grund dienen könne. Die Antwort zeigt: „Verantwortungswüste“: Das sei doch alles nicht ihr Problem. Sie verstehe gar nicht, wie ich denken könnte, sie als Managerin des Ladens wäre hier verantwortlich… ??? Ich erkläre ihr etwas davon, dass, wenn diese Arbeitsethik von einem meiner Mitarbeiter kommen würde hätten wir ein sehr interessantes Gespräch vor uns… und stapfe geladen davon.

Episode 2: Das klappt schon alles. Vertrau mir…

Mit gehöriger Vorspannung nutzen wir also den Vormittag und fahren 45 Minuten vom Badmintonreinfall zu einem Fahrradladen, der uns für den Kauf eines neuen Fahrrads für Gabi empfohlen wurde. Gabi testet also ausgiebig Räder, bis sie sich für eines entscheidet. Der Laden brummt und der Verkäufer schwirrt immer wieder geschäftig vorbei, besorgt die Dinge, die wir benötigen, lässt das Rad einstellen etc. Nach der Wahl des Fahrrades geht es ans Zubehör. Und dabei rede ich nicht von einer Goofy-Tröte, sondern um so elementare Dinge wie Ständer, Kettenschutz, Schutzbleche, Licht und Klingel. Denn all das ist standardmäßig bei einem Rad in den USA nicht dabei. Alles liegt vor uns zum Bezahlen auf dem Tisch mit Ausnahme von Kettenschutz und Ständer. Die wären in der Werkstatt vorrätig. Ich bitte darum, dass ich den Kettenschutz sehen kann, den er dann auch nach einiger Zeit anbringt. Ich frage noch: Ist er sich sicher, dass der wirklich zu dem Fahrrad passt? Klaaar. Den verbauen die häufiger! Ich: Wirklich? Ich sehe nicht, wie der passen kann. Er: Doch, kein Problem, ich soll ihm nur vertrauen.

OK, wir zahlen also, und das Fahrrad soll bis zum nächsten Tag in der Werkstatt fertig montiert werden. Wir würden dann einen Anruf kriegen. Nach 40 Minuten nach Hause (die Lake-Cook ist eine einzige Baustelle) und wir kaum durch die Tür kommt schon ein Anruf: Jaaa, also der Kettenschutz, den wir uns ausgesucht haben würde ja schon mal gar nicht passen. Er (der Techniker) versuche ihn nun schon seit 20 Minuten zu montieren. Er hätte gekuckt, es gäbe auch für das Fahrrad keinen passenden, es wäre doch OK, wenn er ihn weglassen würde, oder?

Das war dann der Zeitpunkt, wo mein Blutdruck wieder gestiegen ist. Ich mache ihm klar, dass es NICHT ok ist und dass ich erwarte, dass wenn mir die Kombination als Lösung verkauft wird, er eine Alternative findet. Er: Da gäbe es keine, ich müsse halt mit einem Fahrrad ohne Kettenschutz Vorlieb nehmen…

Ich mache klar, dass ich eher den Kauf rückgängig machen würde. Darauf meint er, dann müsse ich wieder in den Laden kommen. An dem Punkt lasse ich mir den Manager geben, der dann dankenswerter Weise den Kauf rückgängig macht. Ich mache ihm klar, dass man so keine Kunden gewinnt. Ich gehe in einen Fachladen, um Fachberatung zu bekommen. Ich habe ja sogar die Verwendbarkeit des Kettenschutzes hinterfragt – „vertrau mir“ bringt halt mal gar nichts. In einer „dann müsse ich halt den Kettenschutz weglassen“-Mentalität spiegelt sich erneut wieder, dass sie das Geld gerne nehmen, dafür aber keine Verantwortung übernehmen.

Episode 3: Wir sparen Geld…

An einem schönen Tag rumpelt es gewaltig vor der Tür – ich sitze gerade auf dem Sofa. Ein Blick aus dem Fenster offenbart, dass vor unserer Tür auf der Straße ein großer LKW steht aus dem monströs groß aussehende Mülleimer ausgeladen werden und vor jede Garage gestellt werden. Ich schau mir die Dinger gleich mal näher an. Der einzige Aufkleber sagt, dass er von unserer Müllabfuhr („Waste Management“) kommt. Kein Zettel hängt an den Mülleimern oder befindet sich in ihnen. Ich schaue in die Post, kein Brief der erklärt, was hier gerade passiert. Ich schaue also im Internet auf die Homepage von Waste Management. Kein Hinweis. Ich google nach „neue Mülleimer in Buffalo Grove Waste Management“ (auf Englisch natürlich), finde aber auch nichts. So schreibe ich unserer Vermieterin eine Email, die relativ schnell auf der Homepage des Ortes Buffalo Grove eine Kurznachricht ausfindig macht. Aus Kostengründen würden an alle Haushalte Mülleimer verteilt, die mit einem Hebesystem entleert werden könnten – zum Kostensparen.

Ich frage mich, was ich jetzt mit dem Monster machen soll, das Volumen ist geschätzt doppelt so groß wie das unserer Recycling-Tonne und so kann ich sie nur unter Mühen in die Garage quetschen.

In der Woche drauf offenbart unser Füllungsgrad, wieviel zu groß die Tonne ist, doch auf der Homepage war klar gemacht worden, dass man vor Juli gar nicht anrufen bräuchte um eine kleinere zu fordern.

Füllungsgrad der Tonne am 11.04.

Füllungsgrad der Tonne am 11.04.

Füllungsgrad der Tonne am 18.04.

Füllungsgrad der Tonne am 18.04.

Soweit eher zur Vorgeschichte. Die meisten Nachbarn haben noch immer keine Idee, was sie damit machen sollen, so legen einige (z.B. unsere kranke Nachbarin) ihren Müll wie schon immer in einem Müllbeutel an den Straßenrand. Nur wird dieser nicht abgeholt – die Mülleimer werden geleert, aber alles andere bleibt liegen. Starker Regen, Sturm und hungrige Eichhörnchen tun ihres dazu, und innerhalb von einer Woche fliegt der Müll überall in der Siedlung herum. Ach so, am besten sieht man wie überdimensioniert diese Mülltonnen für die typischen 1-3 Personenhaushalte sind, dass einer unser Nachbarn seine alte Mülltonne IN der neuen (neben seinem normalen Müll) entsorgt – und der Deckel so gut wie zu geht.

Keine Kommunikation vom Waste Management, der Stadtverwaltung oder unserer Gebäudeverwaltung. Drei Wochen sind vergangen, dann erhält unsere Vermieterin ein Schreiben der Gebäudeverwaltung, die von „chaotischer Einführung“ und „noch schlechterer Kommunikation“ schreibt. Das liest sich flockig als „wir tragen keine Verantwortung“. Doch was mich ärgert ist die Tatsache, dass die Gebäudeverwaltung selbst ab dem Zeitpunkt in die Verantwortung gekommen wäre (diese aber mal geflissentlich ignoriert hat), als sich unsere Wohnsiedlung in eine Müllkippe verwandelt hat und der Müll auf den Wiesen und in den Büschen überall zu finden war. Verantwortungslosigkeit überall.

Am Besten ist dann die Bemerkung am Ende des Schreibens (nachdem über die chaotische Auslieferung geschimpft wurde und die Tatsache, dass ein Umtausch bis Juli aussichtslos ist), dass die Bewohner die Regel der Hausverwaltung umzusetzen haben, die verbietet die (Monster)tonne im Sichtfeld aufzubewahren. Wow. Wer das geschrieben hat, versteht es aus tiefstem Herzen zu ignorieren, wer hier Kunde, Betroffener und wer Dienstleister ist.

Ich kann mich noch erinnern, als wir letztes Jahr einen Fehler gemacht haben und unsere Recyclingtonne umgekippt ist und der Wind die Papierreste unserer Dokumentenhäxlers über den ganzen Rasen verteilt hat. Wir sind da gut 2 Stunden draußen gestanden und haben die Papierfitzel aufgeklaubt – immerhin war das ja unser Müll – doch heute zweifel ich, dass viele andere so reagiert hätten…

Leider trifft man das in den drei Episoden in den USA überall an. Auf den Ämtern, Banken, Einkaufsläden, Restaurants… ganz selten mal, dass einer sich „veranwortlich“ fühlt und entsprechend reagiert.

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2 Antworten zu 20.04.2013: Schon wieder eine Wüste, diesmal die Verantwortungswüste USA

  1. Claudia schreibt:

    Ja, ja andere Laender andere Sitten. Als Deutscher ist man halt verwoehnt. Obwohl auch dort einiges geaendert werden kann. Servicewueste..
    App. Muelltonne, auch wir bekamen vor MONATEN eine Neue, eben eine solche wie bei Euch, damit sich die Muellmaenner leichter tun und sie nur zum Muellwagen rolen muessen. Da aber bei uns, was nicht vernagelt und angeschraubt ist, gerne `ausgeliehen` wird habe ich meine Tonne auf den eingezeunten Grundstueck stehen und lege die Muellsaecke nach wie vor, dreimal die Woche (ja 3x) auf die Strasse. Ausserdem haben sie bis heute noch nicht den passenden Muellwagen fuer die Tonnen.
    Service: Ich haette gerne ein bestimmtes Buch. War in drei Buchlaeden, ueberall sehr freundlich, habe meinen Namen und Tel.Nr. hinterlassen. Keine S. ruft mich an kein Sch. will was von mir…..
    Aber so ist es eben. Wenn man es weis kann man damit ganz gut umgehen.
    Viele Gruesse
    Claudia & Gerald

    • Schöne von Euch zu lesen! Ich hoffe, es geht euch gut? An Müllbergen scheint ihr ja nicht zu ersticken, wenn bei euch 3x die Woche abgeholt wird, aber da ist Arbeit vermutlich noch billiger, oder?

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