11.05.2013: Der Mississippi und Geschichten aus dem Abendland

Ein kulturelles Highlight folgt dieses Jahr dem nächsten. Und wer gerade auf Diät ist: Ja, es geht auch wieder um gutes Essen.

Gabis Aufruf zu mehr Kultur hatte uns ja erst vor wenigen Wochen in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lassen – ein Stück, dass heute immer noch in mir nachhallt. Dieses Mal gibt es eher etwas für die Seele. Wir haben Karten für das Chicago Symphonie Orchester. Die haben für den heutigen Abend lange geprobt, sind sie doch schon in ihrer 125ten Saison.

Mit von der Partie sind neben Cat und John (die scheinbar in uns endlich jemanden gefunden haben, der für Kultur nicht überredet werden muss) sowie Steve.

Am Morgen noch waren wir Badminton spielen, dann schnell nach Hause, fertig machen, schon holen uns Cat und John ab, doch sie fahren nur bis Steves Haus, wo wir alle in Steves Auto umsteigen (das wir als das Größte identifiziert haben). Durch den üblichen Stau geht es Downtown – natürlich viel zu früh für die um 19:30 Uhr beginnende Abendveranstaltung, und – es ist gerade einmal 3:30 Uhr als wir ankommen – eigentlich auch zu früh zum Abendessen. Doch wir versuchen einen Platz im Avec zu kriegen, ein minikleines, superangesagtes Restaurant, das auch keine Reservierungen annimmt. So haben wir das Essen am Tag schon so angelegt, dass wir alle mit knurrenden Mägen eintreffen – und wir kriegen doch tatsächlich den vorletzten freien Tisch – später, wenn wir gehen stehen die Leute Schlange!

Das Avec ist minimalistisch im Design, die Stühle hart und der schlauchartige Raum wird von der Rückwand dominiert – eine so genial aus Flaschen (man sieht nur ihre Böden) gebaute Trennung zu den dahinterliegenden Räumen (Gabi meint Toiletten, aber ich möchte lieber an Räume glauben, die rein zur Schaffung der Lichteffekte gebaut wurden), dass an manchen Stellen gerade noch genug Licht durchscheint, um die Wand zu einer Sensation zu machen.

In unserem Raum befindet sich die eigentliche Küche mit einem offenen Holzofen, wie ihn die besten Pizzabäcker verwenden würden. Tolle Gerüche durchziehen den Raum und so ist es besonders gut, dass das Restaurant sich auf „kleine Teller“ und „Familienplatten“ spezialisiert hat. Wir essen uns durch eine Auswahl an Käsesorten, gefüllte Datteln, einem Salat mit hachdünnen Beete-Scheiben, Tintenfisch, einem Flatbread mit Sauerrahm und als Hauptattraktion einen ganzen Fisch mit Muscheln und Gemüse. Was alles nicht extrem spannend klingt, ist doch ein unglaublicher Genuss. Dazu noch eine Flasche Rotwein, den John exzellent ausgewählt hat… So verbringen wir jedenfalls die Zeit zwischen „Nachmittag“ und „Abend“ mit Essen, bis es an der Zeit ist zum kulturellen Genuss zu wechseln.

Wir lassen unser Auto im Valet-Parking des Restaurants stehen und entscheiden uns für die Wanderung zum CSO. Diese stellt sich dann als 45 Minuten-Spaziergang mit nur kurzer Unterbrechung am Starbucks heraus, so dass wir gerade rechtzeitig zum Anfang des Konzertes eintreffen.

Wir haben Karten rechts in der 12. Reihe, was sich nach Blick nach Oben als „eigentlich schon fast mit auf der Bühne“ herausstellt. Die Ränge ziehen sich über uns endlos bis weit unters Dach. Toll ist aber auch, dass es Ränge hinter und um die Bühne herum gibt – das sollten wir uns mal für den nächsten Konzertbesuch merken.

Avec und CSO 19

Auf dem Programm steht zuerst das Stück „The Fair Melusina“ (Zum Märchen von der schönen Melusine) von Mendelssohn-Bartholdy, wobei wir schon merken, dass man hier in Chicago gerne mit etwas Schmiss und Elan spielt. Die Musiker verleihen dem Stück viel Leben. Interessant die Hintergrundgeschichte aus unserem Begleitheftchen, wo erzählt wird, dass Mendelssohn-Bartoldy die Oper Melusina von Conradin Kreutzer gehört hat und die Umsetzung so uninspirierend und ungelungen fand, dass er selbst zur Feder griff und das Stück so komponierte, wie er fand, dass es gehört hätte. Klarer Fall von „Hey, das kann ich besser!“

Hier von Youtube das besagte Stück:

Danach folgt das Stück Mississippi von Florence Price. Sie war die erste schwarze Komponistin, deren Stücke von weißen Orchestern gespielt wurde. Der Mississippi ist ein Hommage an den längsten Fluss der USA, den sie von seiner Quelle bis zu seiner Mündung in den Golf von Mexiko musikalisch beschreibt. Jetzt bietet das Chicago Symphonie-Orchester nicht nur seine volle Besetzung auf, sondern sie werden als Gast-Dirigentin von Mei-Ann Chen dirigiert. Diese ist eigentlich die Leiterin des Symphonieorchester von Memphis und es ist ein Augenschmaus sie zu beobachten. Hier wird nicht nur das Stöckchen geschwungen, sondern sie ist mit vollem Körpereinsatz dabei. Sind gerade beide Arme am dirigieren von Teilen des Orchester, wird auch schon mal die Augenbraue, der Kopf oder der ganze Körper eingesetzt um weitere Einsätze zu geben. Wow. Diese Frau braucht kein Fitnessprogramm.
Das Stück, das etwas mehr wie eine halbe Stunde lang ist, schmeichelt, stürmt, donnert, um im nächsten Augenblick vertraute Klänge aus den Städten entlang des Flusses, St. Louis, Memphis, New Orleans ertönen zu lassen. Sie verbindet wunderbar Symphonien mit traditionellen Sklaven-Spirituals. Gabi: „Eine Mischung aus der Moldau und Vom Winde verweht…“. Wenn ich mich nicht irre, summt Steve sogar gelegentlich mit… (Gabi bestätigt: „Das war leicht irritierend“).

Hier von Youtube ihre Symphonie No. 1, da die leider die Mississippi Suite nicht haben, was schon mal zeigt wie wenig bekannt die Komponistin ist:

Kommentare auf Youtube feiern sogar ihre Aufführung in Chicago im Mai – genau unsere…

Dann ist erst einmal Pause, wo wir wieder einen Unterschied feststellen. Wer war noch nicht in einem Konzert und steuert in der Pause aus lauter Austrocknung das 8-Euro teure Wasser an? In den USA gibt es überall Wasserspender, so auch im Pausenbereich des CSO. Hut ab, da haben die Amis uns was voraus – auch wenn damit der Grund für einen Prosecco weg fällt 🙂

Drittes Stück ist das Hauptstück des Abends, das wir auch schon in Regensburg genießen durften: Scheherazade von Rimsky-Korsakov. Naja, werdet ihr sagen, das hab ich doch schon mal gehört… Ja, aber zum einen nicht vom weltbekannten CSO gespielt und zum anderen ist es besonders interessant zu sehen wie unterschiedliche Interpretationen einem Stück eine ganz andere Stimmung verleihen können. Alleine schon die Größe des Orchesters ist bombastisch, was natürlich auch zum Gesamteindruck beiträgt.

Hier von Youtube eine Aufnahme des Stückes, sogar vom Chicago Symphonie Orchester, allerdings nicht unsere Aufführung:

Ein toller Musikgenuss geht leider viel zu früh zu Ende. Zugaben haben die hier noch nicht erfunden.

Doch ich habe eine für Euch. Schaut Euch die folgende Erklärung von Scheherazade an, die ganz toll gemacht ist:

Wir haben noch einen guten Marsch zurück zum Auto, doch erst einmal machen wir einen Abstecher zu den Wassersäulen im Millennium Park, die ganz toll farbig erleuchtet sind. Auch ein Hochhaus in Parknähe hat seine Fenster entsprechend des bevorstehenden Muttertags beleuchtet. Auf dem restlichen Rückweg saugen wir die nächtliche Stimmung Chicagos ein – schließlich sind wir ja auch nicht alle Tage in Chicagos Downtown.

So ein bisschen Kultur ist schon toll – insbesondere wenn man es mit den phantastischen Essenstipps von John kombiniert.

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