24.05.2013: Auf geht’s ins nördliche Tennessee

Gabi: „Das versteht doch keiner. Ich würde den Tag überschreiben mit: Frei, was nun?“. Also hier die Erklärung. Wir haben nächsten Montag Feiertag und Gabi schon heute frei. Noch Anfang der Woche konnte sie nicht sagen, ob sie eine Woche Urlaub bekommt, was erst am Dienstag klar wurde. Ein Versuch einen Roadtrip nach Tennessee (das ca. 1000 km südlich von uns liegt) zu planen, scheitert an der nicht vorhandenen Planungszeit. Tom hatte zwar eine grobe Route in petto, doch die auszuarbeiten, nach Hotels oder besser noch B&Bs zu suchen, diese zu buchen… all das kriegen wir nicht mehr hin und stresst uns viel zu sehr. So wird auf die Schnelle umgeplant und wir buchen 3 Tage B&B in der Nähe von Plymouth in Wisconsin. Ziel ist der Kettle Moraine State Park, der von vielen als „tolle Wandergegend“ beschrieben wird. Wir wollen sogar die Fahrräder mitnehmen und einen Tag eine Radtour auf einem der auch in Wisconsin existierenden Rail-Trails machen.

Also starten wir wohlgemut und zügig auf in den Norden. Haaalt, nicht ganz. Tom stellt beim Aufladen meines Rades auf den Dachgepäckträger fest, dass ich einen gewaltigen Achter habe. Als Gabis Fahrrad letztes Wochenende bei unserer Mittagspause umgekippt ist, hat sich das Vorderrad ganz offensichtlich so verbogen, dass es sich kaum noch drehen lässt. Lag es vielleicht daran, dass Gabi die letzten 20 Kilometer nur mit Mühen überstanden hat? Wie kann man so was nur nicht merken!!!! Gabi: Gemerkt hab ich das schon, doch wenn ich was gesagt hätte, wäre das bei Tom wieder nur als Ausrede rüber gekommen. So habe ich einfach meine Zähne zusammen gebissen und immer wieder Pausen eingefordert…“. Tom: „Naja, die besser ausgestatteten Schnecken haben vor dem Überholen wenigstens noch geklingelt“. Gabi: „ha ha“.

Anyway. Mit einer solchen Debatte erreichen wir auch schon bald den Fahrradhändler in Libertyville, was praktischerweise auf unserem Weg liegt. Der kann uns auch tatsächlich mit einem passenden Vorderrad weiterhelfen – nur aufziehen kann er den Reifen nicht, da er 2 Wochen im Voraus ausgebucht ist. Gut dass Toms Dad seinen Job ernst genommen hat und seinem Sohn beigebracht hat wie man Felgen, Schläuche und ganze Vorderreifen wechselt. Eigentlich ja nicht schwer, doch mit Notfallwerkzeug und auf dem Parkplatz eines Fahrradgeschäftes durchaus eine spannend anzusehende Angelegenheit. Schalten sie auch nächste Woche wieder ein, wenn sie Miss Gabi sagen hören wollen: Das ging jetzt aber in Rekordzeit, Hut ab!“.

In der vorherigen Episode sahen sie, wie McTom mit einem Bleistift (und ein bisschen Werkzeug) einen Trip nach Wisconsin gerettet hat. Wir sind also schnell auf der Autobahn und befinden uns keine zwei Stunden später schon auf der ersten Wanderung. Wir sind im Kettle Moraine State Park unterwegs. Laut Beschreibung gibt es weltweit keine höhere Konzentration an sichtbare Zeugen von Gletscheraktivitäten. Die Gegend hier ist hügelig und grundsätzlich geprägt von Landwirtschaft. Der Park jedoch wird von dichtem Laubgehölz dominiert, das in unglaublich frischen grünen Farben leuchtet. Die Wegbeschreibung warnt gleich zu Anfang vor einem „brutalen“ Aufstieg. Selbst für uns Flachland-Illinoianer und Schreibtischhengste bringt uns dieses mit Treppen ausgestattete Berglein nicht wirklich zum Staunen. Mal wieder amerikanische Superlative…. Schnell sind wir am Höhepunkt dieser Wanderung, auf der obersten Plattform des Parnell-Aussichtsturms angelangt (die Mehrdeutigkeit dieser Aussage wollen wir nicht kommentieren). Wir befinden uns auf Augenhöhe mit dem dichten grünen Dach der Laubbäume um uns herum. Und mit einem majestätisch kreisendem Bussard. In der Ferne blitzt das Wasser des Lake Michigan und zahlreiche Bauernhöfe mit ihren Feldern liegen friedlich in der Sonne. Wir lassen unsere Seele baumeln und wandern erst weiter als die nächsten Wanderer (ein gut gelauntes Studentenpack) auf dem Turm auftauchen.

Die Wanderung führt quasi ununterbrochen hügelauf- und ab durch lichten Laubwald. Vorbei an Geröllfeldern (Tom: „Eindeutig keltisch“), auf weichem, federndem Waldboden. So richtig naturbelassen. Gefällt uns. Als dann auch noch eine Common Garter Snake für Tom Modell steht („Ja, genau nun das Gesicht der Sonne zuwenden und etwas mehr züngeln bitte“) sind wir glücklich. Auch wenn wir später im Internet lesen: „Die Common Garter Snake is … well, common“ – was soviel heißt wie das Viech ist gewöhnlich und häufig zu sehen. Na, wir fanden sie jedenfalls spitze…

Am Parkplatz angekommen vertreiben wir uns noch etwas die Zeit mit einer Frisbee-Scheibe, die auch Gabi erstaunlich zielsicher werfen kann. Danach geht es auf Panoramaschleichwegen Richtung „Ice Age Center“. Gabi entdeckt zwei Reiher auf einer Wiese. Als Tom sich anschleicht, um ein paar Exlusivbilder zu schießen, stellen sich diese als Sandhill Cranes (Kraniche) heraus.

Sandhill Cranes

Sandhill Cranes

Das Visitor Center hat schon geschlossen, wer kann auch erwarten, dass hier in der Gegend jemand bis nach 16 Uhr arbeitet, und wir haben schließlich schon 16:10 Uhr. So ziehen wir wieder uninformierter Dinge ab, fahren in unser B&B, machen uns schnell frisch und fahren dann zum Abendessen ins PJ Campells. Wie der Name schon vermuten lässt handelt es sich dabei um das beste Restaurant am Ort, das deutsche Küche serviert. Wir können nicht die Finger lassen von: Rouladen, der Wurschdplatte und für Gabi natürlich Bier (Tom: Aus Wisconsin). Doch auch die deutsche Vorspeise auf der Karte, die Bretzl mit Dips, muss sein. Diese stellt sogar die Riesenbretzeln vom Volksfest in den Schatten und wir schaffen nicht mal die Hälfte davon. Versucht haben wir es, denn sie ist wirklich laugig, knusprig und lecker. Gedipt wurde in grob gemahlenem Senf, Chipotle-Chili- und Käsesoße. Zur Hauptspeise gehört auch noch eine Suppe (Seafood-Chowder) für Tom und einen Salat für Gabi. Danach sind wir eigentlich schon komplett satt. Wo ist nur Robert wenn man ihn braucht? 😉 Doch wir müssen zugeben, auch die Hauptgerichte sind spitze, wenn auch die Kombinationen etwas sonderbar anmuten: Wurstplatte besteht aus Knackwurst, Bockwurst und Bratwurst, alles auf Sauerkraut. Dazu Blaukraut und Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Alles yummi, doch zusammen – gewöhnungsbedürftig. Gut, Tom hat sich die Baggers selbst dazu ausgesucht, doch die alternativen Klöße oder Spätzle wären jetzt auch nicht der Hit dazu gewesen. Kartoffelsalat scheidet für ihn ja wegen der Zwiebeln aus. Gabi’s Wahl stellt sich als hauchdünn geschnittenes Rindfleisch heraus, das um ganze Karotten gewickelt wurde. Ja, es sind Rouladen, wenn auch nicht ganz traditionell. Dafür passen sie hervorragend zu den ebenfalls nicht traditionellen Klößen. Diese kommen am ehesten an „gekochte“ Klöße heran. Die meisten Franken wissen jetzt hoffentlich, was wir meinen. Tatsächlich aber wurden diese Klöße wahrscheinlich aus Kartoffelbrei zusammengepresst. Trotzdem lecker. Witzig, wenn einem die amerikanische Bedienung „Guten Appetit“ auf deutsch wünscht und Tom gar nicht mal mitkriegt, dass sie die Sprache gewechselt hatte.

Im B&B zurück, genießen wir die Abendsonne auf unserem Privatbalkon mit Kaffee und Weißwein. Auch Käse, Kräcker und Cookies werden von der Hausherrin bereitgestellt… Unsere Diät wird sich freuen. Wir beschließen den Abend dann vor unserem Gaskamin und dem Laptop, damit ihr was zu lesen kriegt. Gute Nacht!

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