02.09.2013: Se(e)henswerte Riesenbäume

Heute gibt es Eier Benedikt zum Frühstück. Hatten wir noch nie und wir stellen auch fest: Sauce Hollandaise passt allenfalls zu Spargel, doch nicht zum Frühstück. Egal – es macht uns Mädels zumindest satt und wir reiten bald in die Morgenstunde. Heute heißt es ja Abschied nehmen von Forks. Wir lassen all die Vampir-, Werwolf- und Bigfoottouren aus – Oh Schreck! – und fahren nochmal Richtung Küste. Heute Vormittag stehen nochmals ein paar Strände auf dem Programm, die wir erkunden wollen. Der erste stellt auch schon wieder unsere Wasserfestigkeit unter Beweis. Ein im Weg liegender Wasserzufluss zwingt uns dazu, barfuß über spitze Kiesel zu waten. Wir kommen mehr oder weniger trocken am Kieselstrand an und Tom fotografiert eine Felsnadel, während wir die Unmengen an angeschwemmten, riesigen Baumstämme bewundern. Doch die Magie, die wir gestern noch beim Anblick des Meeres verspürt haben, kommt heute nicht auf. Anne macht sich sogar trockenen Fußes auf den Rückweg, da sie sich, auf einem Baumstamm balancierend und große Sprünge wagend, über den Wasserzufluss rettet. Sonst hat sie doch auch keine Scheu vor Wasser!?

DSC_5225

Auf dem Weg zum nächsten Strand nehmen wir kurzentschlossen einen Abstecher zu einer „Großen Zeder“ (so das Info-Schild) mit. Dieser Baum wäre allerdings mehr als diese Beschreibung wert. Er strahlt – zumindest zu Beginn – eine solche Ruhe aus dass man das Gefühl hat, die Bäume um ihn herum verneigen sich in Ehrfurcht. Nur ein älterer, ebenfalls von diesem Ort begeisterter Fotograf, mit dem wir fast flüsternd ein paar Sätze austauschen, ist hier. Der Stamm des Baumes ist am Boden ausgehöhlt, man kann darin stehen. Sein Umfang ist gigantisch, doch wie es bei großen, schönen Dingen oft so ist – extrem schwer zu fotografieren. Tom nimmt diese Herausforderung an, während Anne und ich einen friedlichen Waldpfad entlang spazieren und die rötlichsten Pilze ever finden.

DSC_5260_stitch

Obwohl Anne und ich so leise wie möglich sind, sehen wir weder Bär noch Elch. Liegt vielleicht auch an den bellenden Hunden, die andere Baumbesucher im Auto zurück gelassen haben. So kehren wir um und eisen Tom von seinem Motiv los. Er fotografiert noch schnell einen moosbewachsenen kleineren Baumstumpf, als die nächsten Schaulustigen anrollen. Die ältere Dame schreit uns schon von Weitem zu: „Was habt ihr denn da Schönes?“ Die geheimnisvolle Stimmung des Moments ist jäh dahin. Näher herangekommen, sagt oder besser (im Vergleich zu der bisherigen Stille) brüllt die Touristin: „ICH DACHTE, IHR WÜRDET EIN REH ODER SO FOTOGRAFIEREN. HIER SIEHT MAN JA GAR NICHTS“. *innerlich augenroll* – Hätte sich hier ein Tier herumgetrieben, wäre es nach diesem Auftritt nun bereits eine Meile entfernt. Zumindest sind die Damen ausgestiegen – wir sehen weitere potentielle Besucher bereits am Parkplatz wenden, da sie wohl erkennen, dass sie noch so 50 Meter zum Ziel laufen müssten. Kopfschüttelnd ziehen wir uns in unseren natürlichen Lebensraum (Passat) zurück und würden am liebsten ein neues Schild aufstellen: „Big Cedar tree only for people who can appreciate nature quietly“ (Große Zeder für Menschen die Natur in Stille genießen können“).

Statt in die Schildermacherei abzudriften, steuern wir aber zwei weitere Küstenstreifen an. Auch wenn die Felsschichten des einen interessant und die rauhe Schönheit des Küstenpfads beim anderen den Besuch auf jeden Fall rechtfertigen – keiner der Strände kann den Rialto Beach von gestern toppen oder übt auf uns die gleiche magische Faszination aus.

DSC_5283

Daher halten wir uns nicht übermäßig lange auf und fahren zu unserem letzten Zielgebiet im Nationalpark. Es ist schon genial, dass diese Halbinsel so verschiedene Naturregionen bietet. Wir steuern nun den Quinault See an, der umgeben von bewaldeten Bergen im Süden des Nationalparks liegt. Obwohl unser Motel am Südufer des Sees liegt, checken wir erst mal das Nordufer. Dort kann man nämlich die größte Rotzeder (Gabi hängt eine Weile fest bei „Rotz-Eder“, bis sie ihren Lapsus bemerkt) (auf deutsch auch Riesen-Lebensbaum oder Riesen-Thuja genannt) finden, gerade mal 0,25 Meilen von der Straße entfernt. Der Baum hat einen Durchmesser von fast 6 Metern und ist über 53 Meter hoch. Sein Alter wird auf über 1.000 Jahre geschätzt. Ist ja klar, dass man so eine Schönheit nicht auf dem Serviertablett geliefert bekommt. Wir müssen ganz schön schwitzen für einen Blick, da es dieser kurze Wanderpfad auf 25 Höhenmeter Differenz zur Straße bringt. Der Weg ist jedoch sehr abwechslungsreich mit Holzstegen, Wurzeln und Felsblocktreppen und immer wieder tollen moosbewachsenen Regenwaldbäumen. Da merkt man die Anstrengung kaum… Im Anschluss machen wir einen entspannenden, friedlich-einsamen Spaziergang durch einen lichtdurchfluteten Ahornwald und werfen in der Sonne unseren Frisbee-Ring – soviel Bewegung war das ja heute noch nicht, wir brauchen etwas Appetit für das Abendessen! Anne braucht etwas Ansporn für ihre Wurfkünste – da reicht schon das Androhen von Gummibärchenentzug, dann spielt sie fast wie ein junger Gott.

IMG_6346

Da geht noch mehr – Also noch schnell die größte Sitka-Fichte der Welt besucht, die praktischerweise in Laufweite von unserem Motel steht. Die Daten für diesen Baum: 17 Meter im Durchmesser und über 58 Meter hoch, wieder geschätzt über 1000 Jahre alt.

DSC_5341

Plötzlich ganz jung fühlend lassen wir uns Lachs und Seeforelle im „Salmon House“ schmecken. Wir sind ob der Qualität in diesem abgelegenen Örtchen total überrascht, sogar ein leckerer Espresso wird serviert für Gabi. Im Anschluss ist sie da sogar noch fit genug, um eine weitere Runde Frisbee-Werfens und die Schnakenattacke während des romantischen Sonnenuntergangs über dem stillen See zu überstehen. Anne hat die Chickenvariante gewählt und sieht sich das Spektakel von unseren Panorama-Fenstern im Zimmer aus an. So oder so – der passende Abschluss eines ruhigen und erholsamen Urlaubstages!

IMG_6367

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Besuch, Wandern, Washington veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s