03.-04.09.2013: Im Frühtau und Regen zu Berge wir ziehn

So viele Möglichkeiten, diesen Tag zu verbringen, Küste und Leuchttürme, eine Wanderung im Ostteil des Olympic N.P., Stadtbesichtigungen von Tacoma und Olympia? Am vorherigen Abend entscheiden wir uns, nach einem Blick auf die verfügbaren Wetterdaten, für die Hardcore-Variante: Wir wollen in aller Herrgottsfrühe aufstehen, um die 4 Stunden bis zum Mount Rainier Nationalpark runter zu reißen und um dort eine schöne Wanderung machen zu können. Gesagt getan. In Dunkelheit, verschluckt von Frühnebel- und Tau, geht es los. Tom fährt und Gabi versucht die Augen offen zu halten – Anne hat das hinten schon aufgegeben, obwohl wir sie natürlich mit Kaffee versorgt haben. Als es dann zu regnen, kurz darauf zu schütten beginnt, sinkt unsere Laune. Sind wir umsonst aufgestanden? Werden wir was vom Vulkan sehen und können wir überhaupt wandern bei so einem Wetter? Soweit das Auge reicht sind auf jeden Fall nur dunkle Wolken zu sehen. Als wir bei Olympia vorbei kommen, überlegen wir schon ob wir nicht gleich die Stadt besuchen sollten. Doch selbst das erscheint nicht erstrebenswert – es ist gerade mal 8 Uhr morgens, da hat ja kein Museum oder botanischer Garten offen…

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Also fahren wir weiter. Endlich angekommen am Fuß der Bergkette die den Nationalpark bildet, fragen wir die Dame am Kassenhäuschen ganz gespannt, ob sie denn wisse wie oben das Wetter sei oder heute werden würde. Sie druckst herum: „Grade eben sei alles in Wolken. Doch eine Vorhersage sei schlecht möglich, der Berg macht sich sein Wetter selbst…“ Wir entscheiden, trotzdem hoch zu fahren. Jetzt sind wir ja schon mal hier. In Serpentinen geht es die nächste halbe Stunde steil den Berg hoch, den Großteil von Wolken umwabert. Da ist kein Berg erkennbar. Oben angekommen, schauen wir im Visitor Center nach der geeigneten Wanderung für uns. Wir entscheiden uns, den Skyline Trail anzugreifen und diesen zumindest bis zum „Panorama Point“ zu gehen. Immerhin mehr als 400 Höhenmeter. Es kostet bei dem feuchten Wetter schon einiges an Überwindung, doch dann sind wir auf dem Pfad, der anfangs auch noch geteert ist (ja, das ist ein klarer Minuspunkt!). Um uns herum hängen Wolken, wir laufen durch Wolkennebel und zu allem Überfluss fängt es auch noch an zu regnen. Na klasse. Erst stapfen wir stoisch weiter, doch bald schleicht sich der Gedanke ans Umdrehen ein. Noch ein bisschen, noch… plötzlich hört der Regen auf und es wird heller. Da, hinter den Nebelschwaben, das könnte doch tatsächlich die Sonne sein, oder? Nach weiteren 5 Minuten können wir erkennen, wie weit wir schon gekommen sind und wie wunderschön alpin es hier oben ist.

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Schneefelder und Gletscher sind zu sehen und mehrere Schmelzwasserwasserfälle. Außerdem sehen wir auch, wie der Weg weiter geht. Immer bergan schlängelt er sich um die nächste Hügelkuppe bevor er ums Eck verschwindet.

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So weit kann das doch gar nicht mehr sein bis zum Panorama Point? Wir wandern weiter, begleitet von den negativen Schwingungen unserer jüngsten Wanderteilnehmerin. „Das ist steil. Ich mag nicht mehr. Ist es noch weiheit?…“ Wir erködern ihre Stille mit der zugegebenermaßen durchsichtigen Behauptung, wir können nicht glauben dass sie jemals 2 Stunden absolut positive Bemerkungen von sich geben kann. Doch, sie schafft es! Vermutlich, weil es ihr trotz des Trägheitswiderstands super gefällt. Was ja auch kein Wunder ist, denn es scheint nun die Sonne und vor uns tun sich nach jeder Ecke neue fantastische Aussichten auf. Dazu gibt es niedliche Murmeltiere in Hülle und Fülle. Wir alten Wanderhasen sind bester Laune, die Bewegung, die Luft, die tollen Gebirgsblumen, der Geruch nach Bergkräutern, die Stille – alles perfekt. Der Panorama-Punkt nach 2 Wandermeilen ist da nur das I-Tüpfelchen.

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Wir sind schon fast geneigt, noch weiter zu gehen. Denn die ganze Wanderung wäre auch nur 5,5 Meilen lang, das würden wir locker schaffen, denn von hier an geht es in beide Richtung abwärts. Doch das sehr glatte Schneefeld, über das wir als nächstes müssten, sieht nicht sehr einladend aus. Wir sehen auch andere Wanderer rutschen. So kehren wir nach Annes skurrilem Ausflug in ein Klo-Häuschen um, das sich an den Berg schmiegt. Haben wir jetzt einen langweiligen Abstieg auf bereits gesehenen Strecken? Nein! Gabi entscheidet kurzentschlossen, dass wir den Rückweg entlang den Dead Horse Creek Trail nehmen. Hinter dem zugegebener Maßen eher abschreckenden Namen verbirgt sich eine super Wahl. Auf den etwas flacheren Wegen erwarten uns saftige Gebirgswiesen mit Blumenmeeren, kleineren Nadelbäumen, weitere tolle Blicke auf die umliegenden Berge sowie ein so romantischer kleiner Bach, dass Gabi versucht ist ihre leeren Plastikflaschen hinein zu werfen. „Das ist ja nicht zum aushalten idyllisch. Mir ist ganz übel. Hier fehlt eindeutig a bisserl Gostenhof-Style“ 😉

Tom denkt da eher an das Zitat von John Muir, das auf den ersten Treppenstufen unserer heutigen Wanderung verewigt wurde:
„… the most luxuriant and the most extravagantly beautiful of all the alpine gardens I ever beheld in all my mountain-top wanderings.“
(„… die üppigenste und verschwenderischste Schönheit aller alpiner Gärten, die ich je auf meinen Berggipfelwanderungen erblickt habe.“). Wer mehr über den Urvater der Nationalparks wissen möchte, kann ja hier mal nachlesen.

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Fast wieder am Visitor Center angelangt, begegnen wir einer Gruppe von Touristen, die uns entgegen stapfen und uns fragen, wohin der Weg geht. Wir erzählen mit leuchtenden Augen, dass die Gegend fantastisch sei, der Bach, die Murmeltiere und man bald einen besseren Blick auf die Gletscher bekommt. Der Mann gibt zurück: „Ich seh´ ihn auch von hier sehr gut“. Als mich eine der Ladies fragt, wie weit sie denn für all das gehen müsste, gebe ich die richtige Auskunft: „Ein paar Meilen.“ Sie ganz entsetzt: „Meilen???“Ich kann mir nicht verkneifen, mit einem Lächeln zurückzugeben: „Das nennt man wandern.“ Wir amüsieren uns köstlich über diese Begegnung, insbesondere, weil wir den Dreien 20 Minuten später im Visitor Center wieder begegnen. Wandern war wohl nicht so ihr Ding… 😉

Nach einem teuren, dafür nicht allzu gutem Laugenbrötchen geht es den Berg wieder runter. Und plötzlich sehen wir ihn ganz – Mount Rainier. Er hat fast alle seine letzten Wolken abgeschüttelt und steht da in voller Schönheit.

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Tom macht noch ein Foto fürs Protokoll, dann fahren wir zurück nach Olympia, wo Anne ihr erstes Capitol zu Gesicht bekommt. Trotz der fortgeschrittenen Nachmittagsstunde können wir in das ehrwürdige Gemäuer und sogar auf die Marmortoiletten gleich neben dem Sitzungssaal.

Wir schließen den Abend ab mit einem Naja-Abendessen und dem Aufräumen des leicht chaotisch wirkenden Mietwagens. Das war er, der Urlaub mit Anne! Nachdem ihr Flieger direkt nach Deutschland am gleichen Terminal wie unserer nach Chicago abgeht, können wir sie am nächsten Morgen sogar noch bis zum Gate begleiten und zusehen, wie sie als Allererste einsteigen darf. Sie wird als Alleinreisende „betreut“ und muss somit nicht mit dem Fußvolk warten, bis ihre Fluggruppe aufgerufen wird. Wir können ihren Flieger von unserem Gate sogar noch von der Parkposition rollen sehen, bevor sie dem amerikanischen Kontinent entfleucht. TSCHÜSS, BIS BALD!!!! Damit rückt auch für uns der nächste Urlaub in weeeite Ferne, oder? 😉

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