06.10.2013: Führung durch den Modell-Stadtteil Pullman

Visionär oder berechnender Unternehmer? Diese Frage konnte an diesem schönen Sonntag Nachmittag nicht beantwortet werden. Ansonsten ist unser Wissensdurst gestillt worden durch eine Führung, bei dem der aufkommende Wind um einiges wirbelnder war als unser Dozent 😉

Doch von Anfang an. Mit unseren Besuchern oder auch allein: Wir haben in den letzten Jahren schon sehr viele Sehenswürdigkeiten Chicagos abgeklappert. Eine hat jedoch nie in den Zeitplan oder ins Konzept gepasst, der Pullman-Distrikt. Nachdem die Führungen nur 1x im Monat stattfinden und im Winter ausgesetzt werden, überredet Gabi Tom, es heute endlich anzugreifen. Ist ihm hoch anzurechnen, denn es läuft eben zu dieser Stunde ein hochspannendes Football-Game mit den Chicago Bears. Da der Stadtteil auch noch im tiefen Süden von Chicago liegt, fahren wir über eine Stunde bis zum Besucherzentrum. Dieses hat mit dem 20-minütigen Einführungsfilm, der zu Beginn der Führung gezeigt wird, gleich 2 Dinge gemeinsam: 1. Die Patina, die über allem liegt – Verstaubt und altmodisch, alles wohl aus den 60gern und nie erneuert doch auch 2. Sehr informativ.

So erfahren wir die Geschichte eines Modells: Ein Unternehmer namens George Pullman hatte in den 1880gern den Mut und das Geld, gleich 2 Ideen zu verwirklichen. Zum einen baute er erstmals in der Geschichte luxuriöse Schlafwagenwagons für die weiten Bahnstrecken durch die neue Welt. Zum anderen plante er, seinen Mitarbeitern gleich neben den Werkstätten auch noch eine eigene Stadt anzubieten. Er kaufte zu diesem Zweck Land, das zum damaligen Zeitpunkt noch weit außerhalb der Stadtgrenze Chicagos lag, engagierte einen Architekten und dann wurde losgelegt und eine ganze geplante Stadt, komplett mit Geschäften und Räumlichkeiten für alle benötigten Dienstleistungsbetriebe, wurde hochgezogen. Auch Schule, Kirche und jede Menge Grünflächen wurde nicht vergessen. Dann galt es, dieses Modell (das erste seiner Art in den USA) mit Leben zu füllen: Die Mitarbeiter, aber auch Außenstehende, konnten (mussten aber nicht) Häuser anmieten. Die Firma blieb aber in jedem Fall Eigentümer der Häuser und mischte auch sonst ziemlich mit: Z. B. war es nicht gewollt, dass die Mitarbeiter(innen) zu viel tranken. Daher wurde also keine Bar im Stadtteil erlaubt.

Eigentlich hätte dieser Hintergrund genügend Stoff für eine anregende Führung gegeben (War George wohltätig oder berechnend)? Warum haben sich nur ca. 30-40 % der Mitarbeiter dafür entschieden, in dieser Stadt zu leben? Wie kam es zu dem großen, gewalttätigen Streik, der der Anfang des langsamen Untergangs des Pullmann-Imperiums zu sein scheint? – doch leider erwischen wir den Aushilfs-Dozenten. Zitat Tom: „Langatmig, ohne roten Faden, verwirrt und chaotisch…“ – Gabi ergänzt: „… quält er uns schon VOR dem Besucherzentrum 45 Minuten, ohne dass wir überhaupt ein einziges Haus gesehen haben.“ Wir folgen ihm dennoch fast 90 Minuten, bevor wir uns dann doch abseilen, um noch auf eigene Faust die friedliche Stimmung des Stadtteils, der mittlerweile sowohl unter nationalem als auch städtischem Denkmalschutz steht, zu genießen. Noch ein interessantes Detail zu den Häusern selbst: Ganz anders als man denken würde, legte der Architekt Wert darauf, dass keine Retortenhäuserzeilen hochgezogen wurden. Statt dessen entwarf er unterschiedlichste Häusertypen, die natürlich auch unterschiedlich luxuriös gestaltet waren. Es sollte sich nicht nur der Zimmermann oder die Putzfrau, sondern auch der Entwicklungsleiter dort wohlfühlen. Auch die Markthalle als Zentrum eines Platzes, umrundet von einer Straße und Wohnhäusern, zu erbauen hat Charakter und zumindest Gabi kann sich vorstellen, sich hier wohl zu fühlen 😉

Nachdem wir schon im Süden Chicagos sind und hier etliche Restaurants im National TV erwähnt wurden, findet Tom ein Restaurant, auf das wir uns beide einigen können – dieses stellt sich als heruntergekommene (wir wollen das Wort „abgefuckt“ nicht verwenden) Bude heraus, in nicht gerade bester Gegend. Wir sind die einzigen hellhäutigen im Laden, der ansonsten überquillt. Deshalb bleiben wir erst recht und kriegen dadurch wirklich super saftig frittiertes/n Hähnchen und Fisch…

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