12.10.2013: Der absolute Höhepunkt des Urlaubs – Die goldene Kathedrale

Gestern Abend hat Tom mehr wie einen Anstoß durch seine Frau gebraucht, um sich für die heutige Wanderung aufzuraffen. Nicht, dass wir sie nicht beide machen wollen, doch sie wird anstrengend, im Laufe des Tages stellt sich heraus: Eine Grenzerfahrung für Tom. Als Vorgeschmack ein Zitat von Utahcanyons.com: „Neon Canyon and the Golden Cathedral is one of the most awe inspiring places to be found in the west. (Neon Canyon und die Goldene Kathedrale ist eine der Ehrfurcht gebietendsten Plätze (oder auch Schauer hervorrufendsten Plätze) des Westens.

Wir sind schon sehr früh auf den Beinen und haben auch am Abend vorher schon alles für die heutige Wanderung vorbereitet, was vorzubereiten ging. Noch schnell Brote fürs Mittagessen belegt und wir holpern auch schon in den Sonnenaufgang (also ca. 7:30 Uhr) auf der allseits vertrauten Schotterpiste „Hole-in-the-Rock“.

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Um es etwas zu verdeutlichen, wie abseits schon der Startpunkt unserer Wanderung liegt: Escalante liegt im Nirgendwo und ist mit seinen 700 Einwohnern ein verschlafenes Kaff. Die Hole-in-the-Rock-Road ist eine Schotterpiste, der wir 15 Meilen nach Süden in die Wüste folgen, bevor wir auf eine noch viel schlechtere Straße für weitere 10 Meilen an den Rand der Klippe des Paria Massivs abbiegen. Auf dem Parkplatz am Ende der „Straße“ stehen vielleicht 8 Autos, alles 4-Rad mit viel Bodenfreiheit – so wie unserer. Da sind schon die Hartgesottenen unter sich – und wir etwas fehl am Platz – mit dabei, wovon einige in der Wüste übernachten.

Keine 20 Meter von unserem Auto entfernt stehen wir schon an der Abrisskante des Massivs und blicken in die Tiefe. Da führt kein Weg hinab, oder vielleicht doch? Auf keinem halben Kilometer Wegstrecke verlieren wir bei dem steilen Abstieg, ca. 200 Höhenmeter (und das klingt noch besser wie es wirklich ist, denn es gibt auch schon mal flache Passagen). Da kam schon mal an der ein- oder anderen Stelle die Bobbers-Rutschvariante zum Einsatz. Danach sehen wir auch schon den Wanderweg, klar erkennbar an den wenigen Fußspuren, die in die Wüste führen. Wir folgen ihnen für einige Kilometer. Wenn wir „Wüste“ schreiben, müsst ihr Euch weniger Sanddünen vorstellen, als eine Abwechslung von rotem Sand, Gesteinsformationen, Büschen, Wüstenblumen, Trockengräsern, Baumgerippen und Wacholderbüschen. Immer schön Hügel- oder Sanddüne rauf und wieder runter.

Wir hätten hier eigentlich schon gewarnt sein sollen, denn die Fußspuren und Steinmännchen, denen wir folgen sind sparsam geworden. Wir ahnen noch nichts und steigen in den Canyon vor uns ab. Wir wollen ja schließlich an das Ufer des Escalante-Flusses, der noch weit unter uns liegt. Und der Fence Canyon in den wir treten sieht super aus. Eng, hoch und vor uns ist ganz klar in der Tiefe der Escalante-Fluss zu sehen. Doch für uns gibt es keinen Weg hinab. Hier sind echte Canyoneers gefragt – mit Seilen, Haken und wirren Bärten bewaffnet – aber nicht wir. Der Ort ist wunderschön, doch wir sind hier leider falsch (Nachtrag: Besserwissis im Internet behaupten da wäre man durch gekommen, aber wir gehen nirgendwo rein, wo wir nicht sicher wieder raus kommen).

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Wie das (jetzt erst) zu Rate gezogene Navi verrät, haben wir schon vom Fuß des Hügels an den falschen Weg genommen, den einzig anderen Weg den es hier noch gibt. So peilen wir einen Wegpunkt des „richtigen Weges“ an und marschieren querwüsteein. Doch so wirklich gibt es diesen anderen Weg gar nicht, hier bahnt sich offenbar jeder mit Navi bewaffnet seine eigene Route. Wir wissen aber, wo der einzig gangbare Abstieg zum Escalante-Fluss liegen muss, finden diesen auch und rutschen mehr denn wandern die steile Sanddüne zum Fluss hinab.

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Dort angekommen tauschen wir die Schuhe gegen mitgebrachte wassertaugliche und durchwaten den Escalante-Fluss, der eiskalt ist und für knietief auch noch eine beachtliche Strömung hat. Tom geht in Unterhosen, denn er hat auch seine Hose in der Hand, die soll am besten nicht nass werden. Auf der anderen Seite haben wir den Eingang zum Neon-Canyon erreicht, den wir ca. 1 Meile bis zu seinem von unten gangbaren Ende gehen. Die Wände des Canyons lassen einem die Gänsehaut aufstehen, so toll sind die rot leuchtenden senkrechten, vielleicht 50 Meter hohen Felswände. Jede Biegung zeigt neue tolle Farben. Dazu noch die grünen Bäume am Boden des Canyons und der Farbkontrast ist perfekt. Am „Ende“ stehen wir plötzlich in der sogenannten Goldenen Kathedrale (Golden Cathedral), vor uns ein kleiner See, über uns Löcher in der höhlenähnlichen Wölbung. Das Echo wäre hier super, doch eigentlich will man hier nur schweigen und den Eindruck genießen. So machen wir Mittag mit Blick auf dieses Wanderziel, das wir schon so lange auf unserem Plan hatten. All die Mühe hat sich voll gelohnt! So ein Eindruck bleibt fürs Leben.

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Doch jetzt kommt der bittere Teil. Wir sind ca. 6 km von unserem Auto und bis jetzt nur abgestiegen, d.h. am Rückweg müssen wir viele hundert Höhenmeter wieder gut machen. Und das sind keine angenehmen Wege… Doch schön ordentlich in der richtigen Reihenfolge: Aus dem Canyon und über den Fluss ist ein Kinderspiel. Dann die Düne. Die Sanddüne nach oben ist Knochenarbeit. Wenn man stehen bleibt, rutsch man langsam wieder abwärts, und die Düne ist an manchen Stellen so steil, dass man fast alle Viere einsetzen muss. Mit vielen Pausen um das Maschinengewehrgeräusch im Ohr abzumildern, erreichen wir das erste Zwischenplateau. Von dort geht es mit dem Navi auf den zweiten Anstieg eingestellt wieder quer durch die Wüste. Immer mal wieder sehen wir Fußspuren, doch keine wirklichen Gruppen waren hier unterwegs. Und das sorgt für ein Gefühl der Einsamkeit im positivsten Sinne. Kein Motorenlärm, keine Stimmen, einfach nur die Stille der Wüste um uns herum. Die ganze Wanderung über treffen wir nur 3 andere Wanderer (und einen niedlichen Hund). Soviel Natur, nur für uns allein!

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Zielsicher kommen wir (Tom schon völlig erschöpft) am Fuße des letzten Aufstiegs an. Dieser fordert uns alles ab, was wir noch in uns haben. Selbst mit dem langsamst möglichen Aufstieg zittern uns beiden die Knie als wir am Auto angekommen sind. Die gesamte Wanderung war für uns schon für sich eine Herausforderung gewesen, da hat der Umweg, den wir hinzugefügt haben auch nicht geholfen sie einfacher zu machen. Doch – wieder gut behalten am Auto angekommen – sind wir stolz, dass wir es gemeistert haben. Und bereits eine viertel Stunde später sind alle Mühen vergessen und übrig bleibt ein erfüllendes Gefühl von Ruhe und Freude.

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90 Minuten später haben wir dann auch die schlechten Straßen hinter uns gelassen und sitzen in Escalante bei den Escalante Outfitters beim Pizza- und Salat-Essen. Das haben wir uns heute verdient. Doch wer jetzt denkt, morgen wird ausgeruht, der wird sich noch wundern…

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