07.06.2015: Bye Bye Nordsee, Hello Atlantik

Heute müssen wir früh los, es geht mit der Fähre zurück aufs schottische Festland.

Unsere Hauswirtin Jane macht uns noch Frühstück (sogar Lachs und Eier), obwohl es noch weit vor der normalen Frühstückszeit ist. Immerhin haben wir gefragt. Die Australier, die heute mit derselben Fähre abreisen kriegen nichts. Sie tauchen einfach zur Abfahrt aus ihrem Zimmer auf. Was uns noch völlig überrascht: Die gute Seele drückt Gabi noch ein kleines Päckchen mit einem Geschenk in die Hand. So eine rundum Versorgung haben wir noch selten erlebt.

Wir rollen gerade auf den Parkplatz der Fähre, als das Boarding beginnt. Die diesmal deutlich ruhigere Überfahrt verbringen wir mit Lesen und saugen uns mit Hilfe des Wifi an Bord der Fähre (das höchst sporadisch funktioniert – scheinbar werden die Daten mit den Wellen angespült) die Wanderroute für den Nachmittag aufs IPad.

Kaum hat die Fähre angelegt, geben wir Gas. Es geht erst nach Westen an der Nordküste entlang, dann nach Südwesten quer durch die Highlands. Die anfangs noch gut ausgebaute Landstraße (“Kategorie A” ) wird irgendwann einspurig (A steht jetzt wohl mehr für „Allmächd“). Dann werden die Straßen noch enger, so dass der Asphalt kaum breiter ist, wie für ein Auto wirklich notwendig (Kategorie B wie in „Bass mal obachd”). Die Natur um uns herum ist atemberaubend. Mal brettern wir durch ein saftiges grünes Tal, entlang an einem breiten, ruhigen Fluss, mal über eine Mondlandschaft, pockennarbig bewachsen mit Heidekraut und Moosen. Und immer wieder vorbei an Löchern. Hätten wir heute nicht so eine lange Fahrstrecke vor uns, hätten wir noch an 100 mehr Stellen anhalten können als wir es eh schon getan haben und einen der vielen Wanderwege ausprobieren. Tom drückt aber aufs Tempo und hängt so ziemlich jedes andere Auto auf der Straße ab. Mal lassen sie ihn schon freiwillig vorbei, mal überholt er, wo die Straße mal eine Überholspur hat.

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Wir machen noch einen Stopp an der sehr fotogen gelegenen Burgruine Ardvreck Castle am Loch Assynt, wo vor allem die uns umgebenden bedrohlichen dunklen Wolken eine mystische Stimmung aufkommen lassen.

_DSC5007Dann nähern wir uns der Westküste. Auf den letzten 11 Meilen bis zu unserer Wanderung verändert sich die Landschaft noch einmal komplett. Zugegeben, wir fahren einige Höhenmeter nach oben, aber nicht so viele, dass wir wirklich plötzlich in eine subalpine Landschaft vordringen würden mit Gebirgsseen, bloßem Stein und einem kleinen Dorf, dass stark an ein Gebirgsdorf in den Alpen erinnert. Wo sind wir durch das Wurmloch gefahren und haben es nicht bemerkt? Das letzte Stück ist die Straße nur noch ein schmaler Streifen Teer und wir rollen auf die Parkmöglichkeit vor dem Stoer Head Lighthouse. Die Sonne scheint, doch am Horizont sieht man einige dunkle Wolken. Wir laufen von hier aus los zum „Old Man of Stoer“. Einer Felsnadel, die vor den Klippen aus dem Meer ragt. Dazu geht es immer höher hinauf auf die Klippen und an diesen entlang. Der beschriebene Bog-Faktor dieser Wanderung war „3 von 5“. In der Realität heißt das, wir waten durch nasse Wiesen und Rinnsale, der Boden ist häufig matschig und moorig, so dass wir bald dreckige Wanderschuhe und vollgespritzte Hosenbeine haben. Macht ja aber nichts. Könnte ja schlimmer kommen. Um dies einzuleiten geht erst mal ein Wolkenbruch über uns nieder – wir natürlich mit Regenjacken ausgestattet waten im diagonal fallenden Regen weiter, der so richtig schön die Hosenbeine durchnässt. Tom tritt irgendwann auf eine heimtückisch morastige Stelle und kaum hat er sich versehen steckt er mit beiden Beinen fast bis zum Knie im Morast. Der linke Fuß lässt sich relativ leicht wieder befreien, der rechte steckt noch tiefer und beim Versuch ihn herauszuziehen, will der Schuh eigentlich lieber in den Tiefen des Morastes stecken bleiben. Erst mit massiven Anstrengungen kriegt er diesen mit heraus. Wo vorher noch Schuhe gewesen sind, befinden sich jetzt zwei dicke Batzen Moor. Aus den Schuhen läuft Brackwasser und die Hosenbeine sind bis zu den Waden schwarz vor Dreck. Gabi kann sich das Lachen nicht wirklich verkneifen. Super, dann muss man ja beim Weiterwandern nicht mehr wirklich aufpassen, wo man hin tappt. Wenige Minuten später hat es auch zu regnen aufgehört und wir haben strahlend blauen Himmel. Als wir den ersten wirklich guten Aussichtspunkt des Old Man of Stoer erreicht haben, entscheidet Tom, dass wir nicht mehr die ganze Runde weiterlaufen, sondern dass wir von hier aus quer den Hügel so lange hochgehen, bis wir den Weg der Rückroute queren. Dazu wandern wir auf unglaublich federnden heide- und moosüberwuchertem Boden. Für Tom ist das das Highlight der Wanderung. Wir treffen leider viel zu bald auf den Rückweg und wandern diesen mit phantastischen Ausblicken über das Land zurück Richtung Auto. Gabis Anmerkung zum improvisierten Rückweg: „Ich muss Tom Recht geben. Die terrassenförmige Moorlandschaft, bewachsen mit Heide und Moosen, ist interessant anzuschauen. Auch die Miniwasserfälle und Sumpflöcher sind wunderschön. Doch wenn man kurz vorher seinen Ehemann schon fast im Morast versinken sieht steigt das Unbehagen mit jedem Schritt. Man kann oft nicht vorher erkennen, ob der nächste Schritt im trockenen landet. So überzeuge ich Tom dann später auf eine Straße für den Abstieg auszuweichen.“

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_DSC5070Leider kommen wir am Parkplatz 5 Minuten nach 17 Uhr an und die nette Bude wo wir uns schon einen Snack versprochen hatten, macht gerade dicht. Wir haben schon festgestellt, in Großbritannien gibt es sehr häufig an Wanderparkplätzen auch mobile Imbisse. Eine gute Einrichtung. Nur an den Öffnungszeiten müsste man noch was tun.

Auf einer Klippe gibt es hier eine Bank, wo wir uns noch ein bisschen hinsetzen und die Sonne genießen. Dabei schauen wir einer Schafmutter mit Lämmchen zu, die auf den äußersten Ausläufern einer Klippe nach Gras suchen, als gäbe es hier, keinen halben Schritt vom Absturz entfernt, besseres Fressen als 5 Meter weiter.

Auf der Weiterfahrt gibt es noch jede Menge tolle Szenerie zu bewundern:

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Weiter geht die Fahrt dann noch 1 Stunde, bis wir zu unserer Unterkunft in Ullapool kommen. Dieses stellt sich als nettes Fischerdörfchen heraus, wo wir versuchen im vom B&B Besitzer empfohlenen Pub mit “excellent food” unterzukommen. Doch die Wartezeit von 1h schreckt uns ab und wir holen uns noch mal Fish & Chips an einer Bude, nachdem die Auswahlmöglichkeiten an Restaurants eher begrenzt scheint.

Den Rest des Abends verbringen wir damit die Hosen zu reinigen und die Schuhe erst zu säubern und dann trocken zu legen.

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